Durch Nutzung von digitalen Diensten werden riesige Mengen an Daten gesammelt und ausgewertet, wofür sich der Begriff Big Data etabliert hat. Um unter diesen Umständen einen sinnvollen Umgang mit den eigenen Daten zu bekommen, sieht Björn Stecher die Notwendigkeit, ein „digitales Bauchgefühl“ zu entwickeln. Dies führte er in seinem Vortrag Big Data und Datenschutz, Vernetzte Daten, User Tracking, Benutzerprofile beim Auftakt der regionalen Medienkompetenztage am 17. Februar 2016 in Stuttgart näher aus.

Björn Stecher ist Wirtschaftsjurist, seit 5 Jahren verheiratet, läuft etwa 7 000 Schritte pro Tag und fährt ca. 25 000 Kilometer mit seinem Auto im Jahr, Punkte in Flensburg hat er nicht. Bei Netflix und Amazon hat er sich zuletzt die Serien Hannibal sowie House of Cards angeschaut und im Januar hatte er einen PayPal-Umsatz von 59,50 Euro. Dies sind nur einige Daten, mit denen Stecher sich selbst vorstellte und damit verdeutlichte, was für ein Datenprofil wir heutzutage haben (können). Denn unser Verhältnis zu digitalen Diensten ist sehr ambivalent: Wir nutzen viele Apps und Internetdienste, mit denen wir massenweise Datenspuren generieren, obwohl wir dabei gleichzeitig ein komisches Bauchgefühl bezüglich des Datenschutzes haben. „Deutschland hat die strengsten Datenschutzbestimmungen, aber die meisten Google-Nutzer.“

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Die Menge an Daten, die wir produzieren, nimmt kontinuierlich zu, weshalb Stecher von einer Evolution der Daten spricht. Die Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche, Computertechnik wird zunehmend kleiner und ist in viele Gegenstände unseres Alltags integriert. Das allgegenwärtige Smartphone wird durch Techniken ergänzt wie Fitness-Tracker, smarte Uhren und Brillen und es gibt bereits sogenannte Inbody-Technik wie zum Beispiel Kontaktlinsen, die Insulinwerte messen. Während die Welt bis zum Jahr 2000 insgesamt eine Datenmenge von 2 Exabyte produzierte, produzieren wir heute die gleiche Datenmenge pro Tag. Diese Entwicklung und deren wirtschaftliche Bedeutung sieht Stecher nicht prinzipiell negativ, schließlich könne die Technik die Verbraucherinnen und Verbraucher besser im Alltag abholen und unterstützen. Die massenhafte Sammlung und Auswertung von Gesundheitsdaten könnte dazu beitragen, die Kosten im Gesundheitswesen zu senken. Oder vernetzte Autos, die untereinander und mit Verkehrsampeln kommunizieren, könnten die Anzahl an Verkehrstoten verringern.

Probleme sieht Stecher darin, dass die Gesetze, die den Schutz unserer Daten regeln sollen, nicht mehr zeitgemäß sind. Der Erlaubnisvorbehalt bei der Erhebung und Speicherung personenbezogener Daten habe zum Beispiel zur Folge, dass wir vor der Nutzung vieler Dienste erst die jeweiligen AGBs akzeptieren müssen. Aber wer liest schon ernsthaft sämtliche AGBs durch, denen er zustimmt? Dennoch können wir nicht darauf warten, dass die gesetzlichen Regelungen an die technischen Entwicklungen angepasst sind, sondern müssen uns jetzt überlegen, wie wir mit unseren Daten umgehen. Dafür müssen wir ein „digitales Bauchgefühl“ entwickeln, so Stecher, und uns fragen, welche Daten man wofür hergebe, was man für die Daten bekomme und welchen objektiven oder subjektiven Wert sie haben. Das müsse man lernen, so wie man in der analogen Welt den Umgang mit Geld lernen muss.

Zum digitalen Bauchgefühl gehöre es, den Wert und die Schutzwürdigkeit von Daten abzuwägen auf der Basis von Erfahrungen, die wir machen, und dabei auch zu akzeptieren, dass einem Fehler passieren können. Stecher rät uns zu reflektieren, welche unserer Daten wirklich schutzwürdig sind. Zwar gehöre eine E-Mail-Adresse zu den personenbezogen Daten, sei aber vielleicht gar nicht so wichtig, wohingegen Gesundheitsdaten besonders heikel seien und entsprechend vorsichtig damit umgegangen werden sollte. Da könne es sich durchaus lohnen, AGBs eines Dienstes durchzulesen, der diese Daten speichert.

Bei der Verarbeitung von Daten spielen Algorithmen eine zentrale Rolle, welche zunehmend komplexer werden. Wichtig sei es, dass diejenigen, die diese Algorithmen programmieren, ethischen Grundsätzen folgen und über diese Grundsätze müsse gesellschaftlich diskutiert werden. Bei der Vermittlung von digitalen Kompetenzen müssten zielgruppenspezifische Angebote gemacht werden, in denen das eigene Nutzungsverhalten reflektiert wird. Stecher hält wenig davon, Kindern und Jugendlichen einfach zu verbieten, digitale Dienste zu nutzen und so eigene Daten weiterzugeben. Stattdessen könne man gemeinsam solche Dienste ausprobieren und über die Nutzung und den Wert der verarbeiteten Daten reflektieren.

Text mit freundlicher Unterstützung von Landesmedienzentrum Stuttgart.

Fotos: Christian Reinhold (LMZ)