Sabrina Dietrich | zuerst veröffentlicht im Behörden Spiegel, April 2016

Die Notwendigkeit einer digitalen Ethik

Gegenwärtig erleben wir die dritte Welle der Digitalisierung – die Etablierung des Internets der Dinge, und stehen am Beginn der vierten Welle – der Umsetzung von Künstlicher Intelligenz. Die Digitalisierung durchdringt unsere gesamte Lebenswelt. Sie hält Einzug in alle Lebensbereiche, umfasst die sozialen, politischen und ökonomischen Systeme. Damit gehen gesellschaftliche Veränderungsprozesse, wie die Entstehung neuer Kommunikations- und Interaktionsmuster sowie neuer Werte und Normen einher, die die Gesellschaft vor unbekannte, noch nie dagewesene Herausforderungen stellt. Beispielgebende Anforderungen sind der Umgang mit der Veränderung der Privatsphäre und die Entstehung neuer Machtstrukturen („Informationsungerechtigkeit“).

Datenbewusstsein noch kaum verinnerlicht

Durch (hoch)automatisiertes Fahren, Smart City, Künstliche Intelligenz, Internet der Dinge und Big Data ergeben sich gesellschaftliche, rechtliche und ethische Fragestellungen. Bereits heutzutage ist es Unternehmen beispielsweise möglich, durch Big Data erfasste Daten zu Einstellungen, Bewegung und Gesundheit sowie deren Auswertung, zukünftiges menschliches Verhalten zu prognostizieren. Die Kriterien, nach denen gesammelt, ausgewertet und gespeichert werden, bleiben dabei weitgehend intransparent. Während also die Nutzer eine große Transparenz aufweisen, ist es ihnen selbst oftmals nicht möglich, nachzuvollziehen, was mit ihren Daten geschieht und mittels welchen Algorithmen ihre Daten klassifiziert werden. Diese Informationsungerechtigkeit macht es zwingend notwendig, ein zeitgemäßes Regelwerk zum Schutz personenbezogener Daten zu formulieren. Zusätzlich müssen auch die Nutzer ein digitales Bauchgefühl im Umgang mit ihren Daten entwickeln.

Der aktuelle D21-Digital-Index macht deutlich, dass den Nutzern zwar bewusst ist, dass sämtliche mit dem Internet verbundenen Geräte im Hintergrund Daten über sie sammeln, jedoch informiert sich kaum jemand darüber, lediglich jeder zehnte Befragte, welche persönlichen Daten gespeichert werden. Zugleich ist das Vertrauen auf einen ordnungsgemäßen Umgang mit den Daten nur gering.

 

Essentielle Fragen für (zukünftiges) digitales Miteinander

Der allumfassende Wandel durch die Digitalisierung macht es notwendig, dass sich die Gesellschaft als Ganzes damit auseinandersetzt, wie wir Sicherheit, Autonomie, Anonymität und Vertrauen in Zukunft bewerten. Neue Technologien machen es möglich, das Leben besser (und individueller) zu gestalten. Dazu benötigt es jedoch den Willen zur Weiterbildung, zum Erlernen von Medienkompetenz von jedem einzelnen. Und es bedarf der Klärung gesamtgesellschaftlicher Werte und Normen. Das Internet ist kein rechts- und wertefreier Raum, wenn essentielle Fragen für ein digitales Miteinander geklärt und umgesetzt werden. So wird es beispielsweise zu klären sein, aufgrund welcher ethischen Prinzipien der Straßenverkehr geregelt werden soll und ob wir absolute Transparenz von Algorithmen brauchen. Welche Rolle werden menschliche Erfahrungen und Instinkt, der “gesunde Menschenverstand” und Moral in automatisierten Entscheidungsprozessen spielen und wie können diese berücksichtigt werden? Wie stellen wir die Integration unserer Werte einerseits und die Nutzung der Vorteile neuer Technologien für Gesellschaft und Wirtschaft andererseits sicher? Und wer übernimmt Verantwortung bei der Gefährdung von menschlichem Leben? Für die Beantwortung dieser Problemstellungen bedarf es Orientierungshilfen und Leitlinien, die die Weichen für die weitere Entwicklung stellen können und letztlich den Rahmen für das gewünschte Zusammenleben im digitalen Zeitalter setzen. Besonders im Hinblick auf die Komplexität und die Vielfältigkeit der zu berücksichtigen Aspekte wird es die Aufgabe der Zivilgesellschaft, der Politik und der Unternehmen sein, sich mit Themen rund um Big Data, Transparenz von Algorithmen, hypothetischen Szenarien und Dilemmas auseinanderzusetzen, um gemeinsam in den Diskurs zu treten. So liegt es auch im Aufgabenbereich der Bildungsinstitutionen, jungen Menschen die erforderlichen neuen Kompetenzen zu vermitteln und sie dazu zu befähigen, Wirkmechanismen zu verstehen. Denn die digitale Gesellschaft braucht digital souveräne Bürger, die eigenverantwortlich und kompetent mit den Produkten, Geräten und Technologien der heutigen Zeit umgehen können und sich proaktiv mit den Vorteilen und möglichen Risiken der Nutzung auseinandersetzen.


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