Berlin, 13. November 2019. Der barrierefreie Zugang zu Onlineangeboten der Verwaltung ist einer der Schwerpunkte des IT-Planungsrates in diesem Jahr. Für Webseiten der öffentlichen Verwaltung gibt es Richtlinien zur barrierefreien Gestaltung. Wie können Webseiten und Verwaltungsdienste für alle Menschen zugänglich gemacht werden? Welche Rolle hat Barrierefreiheit bei der Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes? Hat die Verwaltung hier eine Vorbildwirkung? Diese Fragen diskutierte die AG Innovativer Staat bei ihrem Treffen am 11. November 2019.

Digitalisierungsprojekte nutzendenzentriert umsetzen

Wie digitale Verwaltungsangebote aus Nutzendenperspektive entwickelt und dabei Usability-Probleme sowie Möglichkeiten zur Verbesserung der Barrierefreiheit aufgedeckt werden können, erklärte Stefanie Hecht von Fraunhofer FOKUS. Wichtigster Schritt bei der nutzendenzentrierten Entwicklung von Anwendungen ist die Evaluierung. Dafür stellte Stefanie Hecht Methoden wie Usability-Tests mit der Methode „Lautes Denken“ vor. Dabei testen tatsächliche Nutzende Anwendungen und verbalisieren Probleme, Erwartungen sowie Vorbehalte. Bereits mit einer kleinen Testgruppe lässt sich so ein Großteil der Probleme erkennen. Zur Evaluierung der Barrierefreiheit sind hingegen Tests mit ExpertInnen nötig, da hier Domänenwissen erforderlich ist. Stefanie Hecht erläuterte die zentralen Gesetze, Richtlinien, Standards und Normen, die für die barrierefreie Gestaltung von Websites und Anwendungen von öffentlichen Behörden relevant sind.

Stefanie Hecht, Fraunhofer FOKUS
Stefanie Hecht, Fraunhofer FOKUS

In Behörden ist die barrierefreie Gestaltung oft ein Ressourcenproblem, wie Verwaltungsvertretende in der anschließenden Diskussion berichteten. Es fehlen beispielsweise notwendige Schulungen für Verwaltungsmitarbeitende. Barrierefreiheit ist ein jedoch wichtiger Aspekt von Teilhabe im digitalen Zeitalter. Das Thema sollte, genau wie Datenschutz, nicht als zusätzliche Belastung verstanden werden, sondern als integrales Designprinzip von digitalen Anwendungen.

Joachim Steinbrück, Landesbehindertenbeauftragter der Freien Hansestadt Bremen
Dr. Joachim Steinbrück, Landesbehindertenbeauftragter der Freien Hansestadt Bremen

Praktische Herausforderungen der Barrierefreiheit: Erfahrungen aus Bremen

Mit persönlichen Erfahrungen als blinde Person machte Dr. Joachim Steinbrück, Landesbehindertenbeauftragter der Freien Hansestadt Bremen, die Dringlichkeit einer barrierefreien Gestaltung von behördlichen Digitalangeboten deutlich. Er zeigte auf, welche unterschiedlichen Barrieren Menschen mit Behinderung ausschließen und er erläuterte die Entwicklung von rechtlichen Regelungen zur Barrierefreiheit. Auch die gesellschaftspolitischen und praktischen Herausforderungen thematisierte er. In Bremen ist ein Großteil der Vorgaben zur Barrierefreiheit bereits umgesetzt.

Aktivitäten des IT-Planungsrates zur Barrierefreiheit

Als Vorsitzender des IT-Planungsrates hat Henning Lühr, Staatsrat bei der Senatorin für Finanzen der Freien Hansestadt Bremen, den barrierefreien Zugang zu Onlineangeboten der Verwaltung als einen der Schwerpunkte des IT-Planungsrates in diesem Jahr gesetzt. Beim AG-Treffen betonte er die Bedeutung von Teilhabe als demokratisches Grundrecht und zeigte digitalpolitische Herausforderungen auf (Folien als PDF). Barrierefreiheit sei ein Bestandteil der digitalen Daseinsvorsorge und besonders Kommunen seien in der Pflicht, sagte Lühr. Beim Thema Barrierefreiheit seien nicht nur digitale Probleme zu lösen, sondern gesellschaftspolitische. Es gilt, digitale Räume gemeinsam zu gestalten und Personen zu unterstützen, die Hilfe bei Online-Diensten brauchen. Dafür stellte er ein Pilotprojekt vor, in dem Bibliotheken BürgerInnen beim Zugang zu Verwaltungsservices unterstützen. Im IT-Planungsrat will Henning Lühr Öffentlichkeit für das Thema Barrierefreiheit herstellen sowie Zusammenarbeit zwischen betroffenen AkteurInnen aufbauen und fördern.

Henning Lühr, Bremen
Henning Lühr, Staatsrat bei der Senatorin für Finanzen der Freien Hansestadt Bremen & Vorsitzender IT-Planungsrat
Ralf Armbruster, Kultusministerium Baden-Württemberg
Ralf Armbruster, Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg

Die Herausforderung, barrierefreie Lösungen für große Zielgruppen umzusetzen

In Baden-Württemberg befindet sich eine digitale Bildungsplattform im Aufbau, die aus Modulen wie u. a. einem Lernmanagementsystem, Tools zur sicheren Kommunikation aber auch Möglichkeiten zur Datenspeicherung bestehen soll. Den aktuellen Stand der Umsetzung stellte Ralf Armbruster aus dem Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg vor. Ähnlich wie bei der Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes (OZG) ist auch bei der Bildungsplattform die Zielgruppe sehr groß. Ralf Armbruster schätzt, dass etwa 40 Prozent der Bevölkerung in Baden-Württemberg betroffen seien, wenn man alle involvierten Lehrkräfte, SchülerInnen und Eltern betrachtet. Die Teilhabe für alle spiele eine sehr große Rolle, da schlussendlich alle SchülerInnen gleiche Abschlüsse erhielten. Auf der Bildungsplattform sollen in der weiteren Umsetzung Materialien für unterschiedliche Behinderungen bereitgestellt werden. Ein Anliegen von Ralf Armbruster ist es, dass Inklusion auch Teil des Unterrichts wird. SchülerInnen sollen lernen, welche Unterstützung behinderte Menschen benötigen und wie diese gestaltet werden kann. Barrierefreiheit solle alltäglich werden, denn der Bedarf nehme im Alter zu, wie Ralf Armbruster betonte, und dabei solle niemand ausgeschlossen werden.

Weitere Informationen zur AG Innovativer Staat sowie Ankündigungen bevorstehender Treffen finden Sie HIER.