Berlin/virtuell, 25.11.2021. China scheint aus westlicher Sicht eine Art „Reallabor für (sozio-)technische Innovationen“ zu sein. Wir sehen praktisch in Echtzeit, was technologisch heute schon möglich ist, aber auch, was das für Einzelne der Gesellschaft bedeuten kann. Dieses Spannungsfeld nahm die Arbeitsgruppe Digitale Ethik in ihrer letzten Sitzung des Jahres 2021 zum Anlass, um unter dem Titel „Die Zukunft der Digitalen Ethik? Reallabor China und sein globaler Einfluss“ die Bedeutung des Landes und seiner Digitalisierungsbestrebungen im Feld der digitalen Ethik zu diskutieren.

Philosophische Einstimmung

Zu Beginn der Veranstaltung stimmte der Philosoph und AG-Co-Leiter Dr. Nikolai Horn die Teilnehmenden auf den Tag ein. In einem energischen Impuls behandelte er unter anderem die Frage, ob es universelle Werte gebe oder ob Werte immer nur für einen jeweiligen Kulturraum gelten würden. Mit seinem Appell, dass es auch stets darum gehe, die eigene Stereotype gegenüber China zu hinterfragen, leitete er zum ersten Vortrag der Sitzung über.

Leben im Reallabor China: Der Alltag von Liqin

Miriam Theobald von DongXIi.com – Pioneering Digital China nahm die Teilnehmenden in ihrem energetischen Vortrag mit in den Alltag von Liqin, einer 35-jährigen Chinesin. Von ihrem morgendlichen Health Check am Kühlschrank über die Tagesplanung durch den Emotional Assistant des Autos bis hin zu Meetings mit digital generierter Simultanübersetzung: Liqins Tag ist durchweg mit Hilfe von KI organisiert, auf die Minute getaktet und soll durch den Einsatz technologischer Hilfsmittel optimiert und in der Lebensqualität erhöht gestaltet werden.

Doch ist dies wirklich der Fall? Wie sieht es um das Innenleben der ChinesInnen in diesem von digitalen Tools und Systemen dominierten Alltag aus? Auch diese Fragen konnte die China-Expertin beantworten und brachte dabei ebenfalls persönliche Erfahrungen aus ihrer Zeit in China ein: „Die Menschen in China befinden sich in einem Spannungsverhältnis zwischen Optimierung und Nutzungszwang“, so Theobald auf die Frage, ob die chinesische Bevölkerung für Burn-outs sensibilisiert sei. Erstaunlich sei, wie schnell die technologische Entwicklung in den letzten 15 Jahren vorangetrieben wurde. Ziel sei es aber nicht, die Menschen totalitär zu überwachen, sondern das bereits große Vertrauen in digitale Services weiterhin auszubauen. Dennoch seien viele ethische Fragen weiterhin offen, beispielsweise was passiert, wenn der Technologie ein Fehler unterläuft und Personen zu Unrecht einer Straftat beschuldigt werden.

Auch Theobald appellierte abschließend dafür, dass eigene China-Bild zu hinterfragen und sich auf eine Auseinandersetzung mit dem Land einzulassen. Nicht zuletzt, weil Player wie ByteDance oder Tencent vermehrt auch in deutschen und europäischen Märkten Fuß fassen, sei dies notwendig.

Wahrnehmung vs. Realität: Die Grenzen technologischer Entwicklungen

Die abschließende ethische Diskussion wurde durch kurze Impulse der Vortragenden Miriam Theobald sowie von Dr. Alexander Tirpitz (Professor & Consultant an der German-Sino School of Business & Technology) und Anne-Marie Tumescheit (Emerging Technology Marketing Consultant bei Fujitsu) angereichert. So betonte Dr. Tirpitz unter anderem das große technologische und wirtschaftliche Potential für Deutschland und Europa. Am Beispiel von KI im medizinischen Bereich warb er dafür, die Vorteile der Technologien für PatientInnen zu nutzen, ohne dabei die Nachteile aus den Augen zu verlieren.

Anne-Marie Tumescheit ergänzte die Diskussion um Erfahrungen aus anderen progressiven Märkten wie Finnland oder Lettland. Schließlich sei es nicht nur in China, sondern auch in anderen Märkten unter anderen ethischen Bedingungen möglich, moderne Technologien einzuführen. So könne beispielsweise die Gesichtserkennung zur Sicherheit der Allgemeinheit beitragen, indem der richtige Sitz einer Mund-Nasen-Bedeckung beurteilt wird.

Auch die Frage, wo die Grenzen des Einsatzes technologischer Entwicklungen liegen, wurde unter den ExpertInnen diskutiert: In Japan beispielsweise sei der Respekt gegenüber älteren Menschen sehr groß. Mithilfe von Robotern könne eine mögliche Überforderung der Pflege im Zuge einer immer älter werdenden Bevölkerung vorgebeugt werden, indem zum Beispiel Bewegungstherapien oder Korrekturpositionen mit Robotern stattfinden.

Wiederwahl der AG-Leitung

Den Abschluss der letzten diesjährigen AG-Sitzung bildete die turnusgerechte Wahl der AG-Leitung. Die amtierenden Vorsitzenden Simone Kaiser (CERRI Frauenhofer IAO) und Dr. Nikolai Horn (iRights Lab) wurden wiedergewählt und werden auch im nächsten Jahr die AG-Co-Leitung übernehmen. Herzlichen Glückwunsch zur Wiederwahl!

Alle Informationen zu den vergangenen und kommenden Sitzungen der Arbeitsgruppe Digitale Ethik finden Sie hier.

AG Ethik

Simone Kaiser
AG-Leitung
CeRRi, Fraunhofer IAO

Dr. Nikolai Horn
AG-Leitung
iRights.Lab