Passende Talente händeringend gesucht! Dies sieht Britta Daffner als eine der aktuellen Herausforderungen bei der Personalgewinnung. Die Abteilungsleiterin & Managing Consultant AI & Data Science bei IBM zeigt in ihrem Vortrag zu den Entwicklungen im HR-Bereich verschiedene Beispiele, wie KI dabei unterstützen kann, beispielsweise bei der gendergerechten Gestaltung von Ausschreibungen, beim Matching von Lebensläufen und Ausschreibungen, durch virtuelle Assistenten, die beim Auswählen passender Stellen unterstützen und auch beim Gestalten der Bewerbungsgespräche. Auf die Frage, ob vollautomatisiertes Bewerben ohne menschliche Interaktion möglich sei, bestätigt Daffner, technisch sei das möglich. Ob das aber wünschenswert sei, stelle sie infrage. Auch die AG-Teilnehmenden sind sich einig, dass das persönliche Gespräch auch bei technischer Unterstützung eine hohe Relevanz behalte.

Um KI überhaupt erfolgreich beim Recruiting einzusetzen, sei es Vorfeld jedoch wichtig zu definieren, welche Anforderungen eine Stelle genau mit sich brächte und was für ein Mensch auf eine solche Stelle passe, erklärt Daffner. Eine weitere Frage sei auch die Datifizierbarkeit von Menschen: Welche menschlichen Eigenschaften lassen sich mit Daten abbilden und welche nicht? Welche sollte man erfassen, welche nicht? Als Beispiel wurden Ehrlichkeit und Aufmerksamkeit genannt. In der entstehenden Diskussion zu diesen Fragen werden verschiedene Prioritäten und Vorstellungen der Teilnehmenden der AG deutlich.

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Britta Daffner, IBM

Letztlich sei das Finden der richtigen MitarbeiterInnen jedoch nur ein Teil erfolgreicher HR-Arbeit, beendet Daffner ihren Vortrag. Gute Kräfte nicht nur finden, sondern auch im Unternehmen halten können. In die Organisation integrierte Möglichkeiten zum lebenslangen, personalisierten und kontinuierlichen Lernen sei ein Schlüssel für eine erfolgreiche Personalbindung.

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Dr. Nadine Galandi, Deloitte Neuroscience-Instituts

MitarbeiterInnen-Engagement-Tools – oder ist das schon Überwachung? 

Das Binden der passenden MitarbeiterInnen ans Unternehmen hängt auch mit ihrer Motivation und ihrem Wohlbefinden zusammen. Es gäbe verschiedene Tools, die Arbeitsleistung zu messen und die Leistung der ArbeitnehmerInnen zu steigern, berichtet Dr. Nadine Galandi, Leiterin des Deloitte Neuroscience-Instituts. Schnell käme man darüber auch zum Thema Stress – dem laut Selbsteinschätzung häufigsten Grund für Unzufriedenheit. Galandi bietet einen interessanten Einblick in die Entstehung von Stress und Wege des Messens. Durch biologische Daten wie der Herzratenvariabilität lasse sich Stress relativ einfach feststellen. Dabei betont Galandi, Stress entstehe nicht nur durch Arbeit, sondern auch im privaten Bereich. Beide Komponenten müssen zusammen kommen, weswegen die Analyse dieser Daten sehr sensibel ist und sich die Frage stelle, was in der Verantwortung des Unternehmens liege und was in der eigenen Verantwortung? Denn die Konfrontation mit den Ergebnissen einer solchen Stressanalyse könne für Menschen sehr heikel und belastend sein.

Mit welchen Tools können Unternehmen Arbeitsleistung messen ohne MitarbeiterInnen zu überwachen, welche Einblicke bringen verbesserte Arbeitsmuster und wo sind Grenzen – oder wo sollten sie sein? Das waren die Leitfragen der anschließenden Diskussion. Zunächst aber stellte Johanna Rathenow von Microsoft mit MyAnalytics“ ein mögliches Tool zum MitarbeiterInnen-Engagement vor. Dieses analysiert den persönlichen Terminkalender sowie Arbeitszeiten und gibt individuelle Empfehlungen zur Einteilung und Priorisierung von Aufgaben sowie zur effizienten Planung der Zusammenarbeit mit KollegInnen. 

Nach den beiden Vorträgen entsteht bei den Zuhörenden die Befürchtung, ob wir durch solche Tools nicht verlernten, auf das eigene Empfinden zu hören und stattdessen Verantwortung für das eigene Wohlbefinden weg delegierten? Nicht unwahrscheinlich, waren sich alle einig. Allerdings könne bei gestressten Menschen die Konfrontation mit den Ergebnissen auch dazu anregen, das eigene Verhalten zu überdenken, wenn sie sich die Belastung eigentlich nicht eingestehen wollen würden, wie die beiden Referentinnen betonen. Wichtig sei, dass eine Analyse solcher Daten immer sehr individuell erfolgen müsse. Es gibt keine Lösung, die für alle passt, da Stress stark von der Persönlichkeit der Menschen abhängig ist – so brauchen die einen viele Aufgaben gleichzeitig und andere unbedingt eine einstündige Mittagspause. Auf solche Charakterzüge müsse individuell eingegangen werden und es dürften nicht „Idealwerte“ durch Vorgesetze vorgegeben werden, mit dem Ziel, die Produktivität beispielsweise einer ganzen Abteilung zu erhöhen, fordert Galandi. Hier bestehe die Gefahr von Missbrauch, insbesondere bei prekären Arbeitsverhältnissen. Um Zahlen und Ergebnisse richtig zu interpretieren sowie entsprechende Schlüsse zu ziehen, sei entsprechendes Wissen in der Bevölkerung notwendig und ebenso weitere Forschung. 

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Johanna Rathenow, Microsoft

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