In der Sitzung im November ging es um das Thema Transhumanismus. „Für Transhumanisten spielt die Evolutionstheorie eine zentrale Rolle hinsichtlich ihres Verständnisses des Menschen“, so erklärt es Prof. Dr. Stefan Sorgner, Impulsgeber der Sitzung, in seinem Buch „Transhumanismus – die gefährlichste Idee der Welt?“. „Transhumanismus bejaht [daher] den Gebrauch von Techniken, um die Wahrscheinlichkeit der Entstehung des Posthumanen zu erhöhen.“ Dabei sind verschiedene Enhancement-Methoden heute bereits möglich, wie z. B. genetische Verbesserungen, Schönheitsoperationen, die Einnahme von leistungssteigernden Medikamenten aber auch Cyborg-Verbesserungen. Transhumanisten erachten folgende Eigenschaften zu erlagen als möglich: Superintelligenz, starkes Erinnerungsvermögen, eine lange Gesundheitsspanne bis zur Unsterblichkeit. Die TeilnehmerInnen der Sitzung diskutierten, wie diese bisher in Deutschland wenig diskutierte Entwicklung ethisch zu bewerten ist und beleuchteten auch die Gegenperspektive mit einem Impuls von Prof. Dr. Martin Booms.

Transhumanismus – Die gefährlichste Idee der Welt?

Transhumanisten wollen die Unsterblichkeit erreichen – so ist zumindest die Vorstellung von Transhumanismus in den Medien. Diesem Bild wiedersprach der erste Impulsgeber Prof. Dr. Stefan Sorgner von der John Cabot University. Die Endlichkeit des Lebens ist nicht veränderbar und Transhumanisten geht es stattdessen um die Verbesserung – das Enhancement – von Menschen. Altersbedingte Schäden sollen therapiert und das Leben der Menschen so verbessert werden. Es geht um die Verlängerung der Gesundheitsspanne. Dabei haben Transhumanisten ein anderes Verständnis von Therapien. Nicht nur körperliches Empfinden zeigt Erkrankungen, sondern auch subjektives Empfinden von dem, was beim Menschen Leid verursacht. So können laut Prof. Sorgner genetische Verbesserungen auch als mögliche Therapieform angesehen werden. Besondere Chancen sieht er aber vielmehr in der „Predictive Maintenance” des menschlichen Körpers. Damit gemeint ist unter anderem die Anreicherung von Menschen mit Chips zur ständigen Überwachung des Körpers. Dabei wird beispielsweise der Blutzuckerspiegel über einen Chip ständig gemessen und bei Problemen werden diese gleich behandelt. Bei der „vorausschauenden Wartung” wird nicht erst auf Symptome gewartet, sondern Erkrankungen werden frühzeitig angegangen. Transhumanismus zielt somit nicht auf das – aus Sicht von Prof. Sorgner – überholte metaphysische Menschenwürde-Prinzip, sondern ganz konkret auf die Verlängerung der Gesundheitsspanne sowie auf Minderung des menschlichen Leidens mithilfe von Technik ab.

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Prof. Dr. Stefan Sorgner, John Cabot University
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Prof. Dr. Martin Booms, Akademie für Sozialethik und Öffentliche Kultur

Transzendental- statt Transhumanismus

Die Gegenposition zu Prof. Sorgner kam von Prof. Dr. Martin Booms, Gründer und Geschäftsführender Direktor der Akademie für Sozialethik und Öffentliche Kultur. Er warnte vor dem Abgesang auf aufklärerische Ideale der Autonomie und Menschenwürde und erläuterte, warum er keine sachlich neuen Gründe sieht, von diesen Prinzipien abzurücken. Vielmehr sah er die Herausforderung darin, wie die Digitalisierung unsere Realität prägt. Bei seinem Vortrag nahm er das Sprechen über Digitalisierung in den Blick, sowohl öffentlich als auch wissenschaftlich. Dieses ist laut Prof. Booms geprägt von einer Effektdominanz. Bei diesem „Spektakularismus“, wie Prof. Booms es nannte, wird sich auf Teilaspekte gestürzt (z.B. Mind-Uploading, KI-Singularität oder „Sexroboter“) und das Unspektakuläre gerät aus dem Blick. Dieses hat aber die größten Auswirkungen auf die Realität – etwa die Beziehung zur „Wahrheit“ oder die Wahrnehmung der anderen Menschen und Menschengruppen. So verändert die Digitalisierung den geistigen Bezug zu der Welt, was die eigentliche digital-transzendentale Transformation ausmacht. Während der Transhumanismus äußere, technische Veränderungen und die Erweiterung der Möglichkeiten von Menschen in den Blick nimmt, betrachtet der Transzendental-Humanismus innere, geistige Transformationen und die Veränderungen der Grundlagen der Menschen. Prof. Booms diskutierte in diesem Zusammenhang die Frage, ob wir in der Digitalisierung eine neue Ethik brauchen. Aus seiner Sicht ist dies nicht nötig, vielmehr erhält die Ethik neue Anwendungsfelder. Er legte außerdem dar, dass das auf Autonomie und Vernunftbegabung gestützte Würdekonzept aus dem Humanismus nicht nur auf Menschen, sondern grundsätzlich auch auf andere autonomiefähige Vernunftwesen anwendbar ist.

Die nächste Sitzung der AG Ethik wird unter Veranstaltungen bekannt gegeben.