Sommerempfang 2026 mit Bundesjustizministerin Dr. Stefanie Hubig: Der Mensch bleibt das Maß der Dinge
Ein goldener Sommerabend über den Dächern Berlins: Beim traditionellen D21-Sommerempfang kamen rund 250 Persönlichkeiten aus dem Netzwerk der Initiative D21 zusammen, um über Recht, Vertrauen und Souveränität in der Digitalen Gesellschaft zu diskutieren. Ehrengästin und Rednerin war Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz Dr. Stefanie Hubig.
Berlin. Wer im vergangenen Jahr dabei war, erinnert sich an Platzregen, Sturmböen und dramatische Frisuren. Diesmal zeigte sich Berlin von seiner sanftesten Seite: Ein warmer, beinahe heißer Frühsommerabend legte sich über die rbb-Dachterrasse, und während die Gespräche in den Abend hineinliefen, tauchte ein spektakulärer Sonnenuntergang die Stadt in goldenes Licht. Ein passendes Bild für diesen Abend: Wo im digitalen Raum Fälschung, Desinformation und Verunsicherung zunehmen, gewinnt das Echte an Wert – die unmittelbare Begegnung, das direkte Gespräch, das gemeinsame Ringen um Lösungen. Genau dafür steht die Initiative D21 seit vielen Jahren.
Der Sommerempfang bildete den Abschluss eines ereignisreichen Tages: Am Nachmittag hatte die Mitgliederversammlung der Initiative D21 einen neuen Vorstand gewählt – mit vielen bewährten und neuen Gesichtern, die Lust haben, anzupacken. Aufbruchsstimmung lag also schon in der Luft, als am Abend die Gäste aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammenkamen.
Hubig: Das Urheberrecht fit fürs KI-Zeitalter machen
Mit großer Spannung warteten die Gäste auf die Rede von Dr. Stefanie Hubig, Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. Im Zentrum: die Frage, wie das Recht mit den Entwicklungen im Feld der Künstlichen Intelligenz (KI) Schritt hält. Texte, Musik und Videos lassen sich heute mühelos per KI erzeugen. Was für die einen ein Versprechen sei, bedeute für viele Kreative eine Belastung, deren Werke ohne Erlaubnis zum Training von KI-Systemen genutzt werden. Die Aufgabe der Politik sei deshalb klar umrissen, so Hubig: das Urheberrecht fit fürs KI-Zeitalter machen. Zwei Grundsätze seien ihr dabei wichtig: Ohne Lizenz dürfe KI keine Werke kopieren, und Kreative müssten an der Wertschöpfung beteiligt bleiben:
Maschinen können generieren – schöpfen können nur Menschen. Der Mensch bleibt das Maß der Dinge. Unsere Gesetze müssen das widerspiegeln.
Umfassenden Schutz vor Deepfakes und digitaler Gewalt soll ein Dreiklang aus Zivilrecht, Strafrecht und besserer Verfolgung schaffen. Das neue Gesetz gegen digitale Gewalt, das ihr Haus in die Anhörung gegeben hat, soll Betroffenen leichteren Zugang zu Informationen über Täter*innen geben und vor allem Accountsperren ermöglichen: „Das nimmt Tätern das Wichtigste im digitalen Raum: ihre Reichweite.“ Strafrechtlich sollen künftig auch ansehensschädigende Deepfakes und täuschende Inhalte erfasst werden. Und damit Täter*innen überhaupt ermittelt werden können, sollen Internet-Anbieter IP-Adressen drei Monate speichern – ein Punkt, den viele auch skeptisch sehen, wie Hubig offen ansprach. Nach 20 Jahren Debatte brauche es nun aber einen Weg, der die Grundrechte achte und Täter*innen zugleich nicht länger davonkommen lasse.
Klare Regeln für Plattformen, Schutz für die Jüngsten
Besonders deutlich wurde die Ministerin beim Schutz von Kindern und Jugendlichen in sozialen Medien. Immer mehr Länder setzten auf Altersgrenzen, auch in Deutschland nehme die Debatte an Fahrt auf. Kinder und Jugendliche hätten selbstverständlich ein Recht auf digitale Teilhabe – aber wo es echte Gefahren gebe, brauche es klare Regeln: „Es wirft Fragen auf, wenn wir milliardenschwere Plattformen mit manipulativen Algorithmen laxer behandeln als Eckkneipen oder Ausflugslokale.“ Für sie stehe fest: Die Zukunft ist digital – und es ist besonders die Zukunft der Kinder und Jugendlichen.
Recht allein werde den Umgang mit Deepfakes aber nicht lösen, so Hubig nachdenklich. Wenn Bilder, Videos und Stimmen an Beweiskraft verlieren, gewinne etwas an Bedeutung, das älter ist als jede Technologie:
Deepfakes fälschen die Wirklichkeit. Die beste Antwort darauf ist das Echte, Unverfälschbare: Die Begegnung von Mensch zu Mensch. Und dieser Wert – davon bin ich überzeugt – steigt in diesen Zeiten wieder.
Im Gespräch: Kompetenzen, Souveränität und ein neuer Vorstand
Wie das gelingen kann, was die Ministerin skizziert hatte – Menschen im Digitalen wirksam zu schützen –, daran arbeitet die Initiative D21 seit über 25 Jahren mit. Unsere Antwort setzt dabei noch an einer weiteren Stelle an: bei der Befähigung. In einem lockeren Gesprächsformat blickten Sandy Jahn, D21-Referentin für Strategic Insights & Analytics, und D21-Präsident Marc Reinhardt auf die Entwicklung der Initiative D21 – und darauf, was eine digital souveräne Gesellschaft ausmacht.
Der am Nachmittag frisch gewählte Vorstand sei jünger, weiblicher und bunter geworden – ein Spiegelbild des heterogenen Netzwerks, das zuletzt weiter gewachsen sei:
Auf den ersten Blick sind wir mit Wirtschaft, Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft vielleicht eine ungewöhnliche Mischung. Aber genau das ist der Punkt: Wir können Debatten führen, die woanders gar nicht stattfinden.
Bei aller Verschiedenheit sei sich das Netzwerk in einem Punkt einig: Es braucht digitale Kompetenzen – für gesellschaftliche Teilhabe, demokratische Resilienz und die Innovationskraft des Landes. Wie viel dabei noch zu tun sei, zeige die gemeinsame Studie zum Digital Gender Gap mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): Frauen nutzen KI signifikant seltener als Männer, der Gender AI Gap beträgt ganze 16 Prozentpunkte. „Was uns aber Mut macht: Berufliche Weiterbildung lässt diesen Gap verschwinden“, so Jahn. Auch deshalb begleite die Initiative D21 die digitale Kompetenzoffensive der Bundesregierung und werde weiter messen, ob sie wirklich bei allen Menschen ankommt.
Beim Wort der Stunde – digitale Souveränität – wurde schließlich diskutiert: staatliche Handlungsfähigkeit oder Befähigung der Menschen, Schutz oder Kompetenzaufbau? Am Ende trafen sich die beiden in der Mitte, mit einer Formel, die zugleich wie eine Antwort auf die Rede der Justiz- und Verbraucherschutzministerin klang:
Regulierung wirkt nur dann, wenn wir die Menschen zugleich befähigen, sich selbst zu schützen, ihre Rechte zu kennen und sich wehren zu können. Schutz und Befähigung gehören zusammen. Oder kurz: Verbraucherschutz ist Verbraucherbefähigung.
Stimmen aus dem Netzwerk
Wie sehr die Themen des Abends das Netzwerk bewegen, zeigte sich in den Gesprächen der Gäste. Arzt und Fernsehmoderator Dr. Eckart von Hirschhausen, selbst immer wieder von Deepfake-Missbrauch betroffen, brachte es so auf den Punkt:
Ich glaube, dass wir gerade an einer ganz wichtigen historischen Zäsur stehen: Schaffen wir es, zu sagen: ‚In Deutschland und auch in Europa gelten Rechte, und wer hier digital unterwegs ist, hält sich dran‘?
Josephine Ballon, CEO von HateAid, verwies darauf, dass es gerade bei KI-generierten Inhalten noch Schutzlücken gebe, auch im strafrechtlichen Bereich. Brandenburgs Digitalminister Dr. Benjamin Grimm unterstrich, Instrumente wie IP-Adressspeicherung und Auskunftsrechte seien nun wichtig, „um auch wieder Recht herzustellen im Digitalen“. Und Jakob Nischan, Vertreter der Young D21, dem jungen Netzwerk der Initiative D21, machte deutlich, worauf es der jungen Generation ankommt: dass sich alle Menschen frei und auf gerechte Weise im Internet aufhalten können. Und dazu gehöre eben auch ein entsprechender Rechtsrahmen.
Begegnung als bestes Gegenmittel
Nach den offiziellen Programmpunkten begann der lockere Teil des Abends: Netzwerken, diskutieren, Ideen spinnen. Während die Sonne langsam hinter der Berliner Skyline versank und die Dachterrasse in warmes Abendlicht tauchte, wurde vielfach weitergedacht, was Bühne und Rede angestoßen hatten – von KI und Urheberrecht über Plattformverantwortung bis zur Frage, wie Kinder und Jugendliche sicher im Netz aufwachsen können.
Und so wurde an diesem Abend erlebbar, was die Ministerin in ihrer Rede beschrieben hatte: In Zeiten, in denen sich Bilder und Stimmen täuschend echt fälschen lassen, ist die Begegnung von Mensch zu Mensch das beste Gegenmittel. Lena-Sophie Müller, CEO der Initiative D21, zog dazu passend das Fazit:
Heute haben wir viel über digitale Gewalt und Social-Media-Themen gesprochen, aber eben auch über Souveränitätsthemen, die dabei relevant sind. Solche Themen können eigentlich nur gut bearbeitet werden, wenn man multiperspektivisch drauf schaut. Heute waren diese ganzen Perspektiven im Raum.