AG-Blog | Digitale Basiskompetenzen stärken – Perspektiven für Deutschland im europäischen Kontext
Digitale Basiskompetenzen sind längst nicht mehr „nice to have“. Sie entscheiden über Zugang zu Information, berufliche Entwicklung, Souveränität im Alltag – vom Umgang mit Behörden bis zur Gesundheitsversorgung. Europa will bis 2030 mindestens 80 Prozent seiner Bevölkerung mit grundlegenden digitalen Fähigkeiten ausstatten; Deutschland steht laut aktuellem D21-Digital-Index noch bei rund 49 Prozent. Die Lücke ist offensichtlich – ebenso die Chance, sie durch vernetzte Ansätze zu schließen.
Berlin. Was ist die größte Herausforderung, wenn es darum geht, Digitale Basiskompetenzen flächendeckend zu fördern? Welche Strukturen wirken? Was lernen wir aus Europa? Und wie bringen wir in Deutschland Schule, Weiterbildung, Zivilgesellschaft, Kommunen und Wirtschaft besser zusammen? Mit diesen Fragen starteten die Teilnehmenden der AG Bildung unter der neuen Leitung von Alessa Gangl (Bechtle) und Stefan Schönwetter (Deutsche Kinder- und Jugendstiftung) in den thematischen Schwerpunkt der Sitzung: die Stärkung digitaler Basiskompetenzen. Der Fokus dabei: weg vom engen Schulblick, hin zu einem systemischen Verständnis „allgemeiner“ digitaler Grundkompetenzen – über Altersgruppen und Lernorte hinweg.
Europa im Blick: Inklusion, Vertrauen – und der nächste Finanzrahmen
Der erste Impuls brachte eine europäische Perspektive. David Mekkaoui (ALL DIGITAL, Brüssel) benannte, dass die EU-Zielmarke gesetzt sei – 80 Prozent der EU-Bevölkerung sollen bis 2023 über digitale Basiskompetenzen verfügen. Der Status quo variiere: EU-weit verfügen rund 56 Prozent der Bevölkerung über entsprechende Basiskompetenzen, in Österreich etwa 65 Prozent. Am besten schneiden die Niederlande mit 80 Prozent ab, am schlechtesten Rumänien mit 32 Prozent. Deutschland liegt bei rund 49 Prozent. Zentraler Hebel für mehr digitale Kompetenzen sei ein größerer Fokus auf digitale Inklusion. Mekkaoui skizziert dabei drei Felder: digitale Inklusion im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz (KI), Lernformate und Bildung sowie Gesellschaft und die Zukunft der Arbeit.
Die schnelle Verbreitung von KI-Agenten und neue technologische Entwicklungen wie beispielsweise Meta Glasses, die in Zukunft eventuell das Smartphone obsolet werden lassen könnten, würden ein Problem zeigen: Zentrales Hindernis sei oftmals weniger der fehlende „Technik-Skill“, sondern der Zugang sowie das Vertrauen und Zutrauen – gerade mit Blick auf KI-gestützte Anwendungen, die zunehmend sprach- und agentenbasiert werden.
Bei jungen Menschen ändere sich das Erlernen von Fähigkeiten: Lernen werde informeller, plattformnäher, peer-getriebener. Schüler*innen würden wichtige Skills weniger in der Schule, sondern stärker in anderen „Native Digital Formats“ lernen. Schulen haben also nun weniger Möglichkeiten, den Schüler*innen wichtige Fähigkeiten für den digitalen Raum mitzugeben – gleichzeitig hätten sie das aber auch in der Vergangenheit oft verpasst. Es ergebe sich also eine gute Gelegenheit, neue Formate zu nutzen. Das eröffne Chancen – verlangt aber didaktisch neue Zugänge und niedrigschwellige Lernorte.
Auch gesellschaftlich würden sich bereits Veränderungen zeigen: Maschinen unterstützen zunehmend Blue-Collar-Worker, und generative KI verändert den Alltag von White-Collar-Jobs. Was geschieht mit den Menschen, die durch diese Entwicklungen ausgeschlossen werden? Hier stelle sich die Frage, welche Wege gefunden werden können, um sie zu integrieren und Vermögen oder Wohlstand besser zu verteilen.
Zentral sei daher künftig vor allem die Frage der Inklusion von Menschen in die Digitalisierung und die Gewährleistung des Zugangs zu neuen Technologien:
Wir brauchen nicht nur mehr Budget für Digitales – wir brauchen verbindliche Inklusionsquoten, damit Mittel wirklich bei den Menschen ankommen.
Mekkaoui betonte zudem die Bedeutung des EU-Finanzrahmens. So seien zwar im Finanzrahmen 2028 bis 2034 die Programme für Forschung und Innovation angewachsen, allerdings drohe Inklusion dabei gegen Wettbewerbslogik aufgerieben zu werden. Es sei daher notwendig, mindestens 10 Prozent Inklusionsbudget in allen Digitalprojekten zu verankern – für Zielgruppen, die sonst nicht erreicht würden, und für lokale Support-Zentren in der Fläche. Außerdem brauche es eine stärkere Zivilgesellschaft, um ihre Interessen besser durchzusetzen:
Have connections.
Best Practice Österreich: Governance, Referenzrahmen, 4.500 Workshops
Im Nachbarland Österreich besitzen bereits 65 Prozent der Bevölkerung wichtige digitale Basiskompetenzen. Was macht Österreich besser? Was können wir dabei lernen? Patrick Reisinger (Geschäftsstelle Digitale Kompetenzen, OeAD) skizzierte den Teilnehmenden die österreichische Strategie. Österreich habe mit seiner Digitalen Kompetenzoffensive (DKO) eine klare Governance aufgesetzt: interministerielle Steuerung im Bundeskanzleramt, Einbindung aller wichtiger Fachressorts, ein Advisory Board aus Wissenschaft und Sozialpartnern, ein Länder-Netzwerk sowie eine Expert*innenplattform. Diese Architektur reduziere Reibungsverluste zwischen Zuständigkeiten – ein Punkt, der in Deutschland häufig Fortschritt bremse.
Die DKO werde von drei konkreten Zielen geprägt:
- Erhöhung der Basiskompetenzen
- Erhöhung des Anteils an IT-Fachkräften und Förderung digitaler Talente
- Einführung eines Nationalen Referenzrahmen, um digitale Fähigkeiten mess- und vergleichbar zu machen.
Letzterer seit September 2024 veröffentlicht und beinhaltet ein entwickeltes Modell, das digitale Kompetenzen der Bevölkerung erfassen, beschreiben und in Folge auch weiterentwickeln soll. Einzelmaßnahmen sollen dabei entsprechend in den verschiedenen strategischen Zielen und Handlungsfelder eingebettet werden. Auch im neuen Regierungsprogramm sei die Stärkung digitaler Kompetenzen verankert.
Neu sei zum einen das Ziel, digitale Kompetenzen vom Kindergarten über die Schule, berufliche Bildung, den tertiären Bereich bis hin zur Erwachsenenbildung in Aus- und Fortbildung zu verankern. Zum anderen soll die Initiative „She goes AI” für Forschung und Wirtschaft Mädchen und Frauen den Einstieg in den KI-Bereich oder den Umstieg erleichtern.
Wie die Umsetzung des Referenzrahmens aussehen kann, zeige dabei erfolgreich das Programm „Digital Überall“: Über Erwachsenenbildungsprogramme können Personen Kurse buchen, doch auch Städte und Gemeinden können Workshops anfragen. Bisher wurden dabei ungefähr 4.500 Workshops in fast der Hälfte aller Kommunen durchgeführt, wodurch mehr als 43.000 Österreicher*innen erreicht worden seien. Die Workshops seien auf fünf Schwerpunkte fokussiert: digitale Senior*innenbildung, digitale Amtswege, Sicherheit im Internet, Leben mit zunehmender Digitalisierung und KI. Das PLUS-Programm biete mit modularen Workshops, Train-the-Trainer, Qualitätsentwicklung, Online-Lerninhalte-Plattform und Fokus auf besonders ausgrenzungsgefährdete Zielgruppen ein breites Spektrum an Maßnahmen. Zentral sei dabei die konsequente Regionalisierung.
Wichtig ist eine Regionalisierung des Angebots. Nicht die schönste Ausstattung des Seminarraums gewinnt, sondern das Angebot vor Ort. Nähe schlägt Perfektion. Das ist wichtig für Akzeptanz und Teilnahme.
Zudem wirken Digi-Dolmetscher*innen (politische Funktionäre oder Mitarbeiter*innen der Verwaltung) als wichtiges Netzwerk in den Kommunen. Sie dienen als Ansprechpartner*innen für die Geschäftsstelle für digitale Kompetenzen im OeAD, sind aber auch wichtige Multiplikator*innen, die beispielsweise Workshops buchen und für die Bürger*innen ansprechbar sind.
Praxis in Deutschland: Volkshochschulen als robuste Infrastruktur
Die Volkshochschulen (VHS) seien flächendeckend präsent, überparteilich, nicht gewinnorientiert und bieten zahlreiche Angebote wohnortnah und niedrigschwellig. Mit 2.700 Außenstellen, rund 6 Mio. Teilnehmenden im Jahr und ungefähr 184.000 Kursleitenden sind sie laut Christina Bellmann (Deutscher Volkshochschul-Verband e. V.) eine zentrale Säule der Erwachsenenbildung und damit auch für digitale Grundbildung in Deutschland. Die Programmbereiche reichen von Sprach- und Gesundheitskurse über Kultur, Politik und Berufsqualifikationen bis zur „Digitalen Welt“. Die Angebote seine als hybride Formate, digital über das vhs-Lernportal oder in lokalen Angeboten organisiert.
Hinsichtlich digitaler Kompetenzen reiche das inhaltliche Angebotsspektrum von Digitalsprechstunden, in denen sich Menschen bei konkreten Alltagsfragen an die VHS wenden können, über Angebote zu digitaler Selbstverteidigung und Resilienz bis zu KI-Einführungskursen. Dabei richte sich das Angebotsprofil eher auf ältere Menschen – so seien mehr als die Hälfte der Kursteilnehmenden über 50 Jahre alt.
Um mehr Menschen mit digitalen Kompetenzen auszustatten, könne auf Kooperationen gesetzt werden – beispielsweise Senior*innenorganisationen, kommunalen Einrichtungen, Unternehmen, ehrenamtlichen Initiativen oder Altenpflegeeinrichtungen. Außerdem brauche es weitere Fortbildungsangebote für Kursleitungen und VHS-Mitarbeitende. Doch brauche es aber auch gezieltere Werbung und Öffentlichkeitsarbeit und einen Ausbau der digitalen Ausstattung.
Wenn Verwaltung digitalisiert, muss sie die Menschen mitnehmen: Lerngelegenheiten gehören zur Daseinsvorsorge.
Politisch fordere der DVV daher u. a. einen Investitionsfonds „Digitalisierung in der Weiterbildung“, den Ausbau der technischen Infrastruktur, die Förderung von Lehrkräfte-Qualifizierung für digitale Weiterbildung und KI-Kompetenzen sowie ausreichende Grundfinanzierung der allgemeinen Weiterbildung.
Wer digitalisiert, muss bilden – Zuständigkeiten bündeln, Minimum definieren
In der gemeinsamen Diskussion der AG traten vier wiederkehrende Linien hervor:
- Governance & Referenzrahmen: Deutschland habe keinen bundeseinheitlichen Rahmen für digitale Grundkompetenzen – die Schule orientiere sich föderal und meist strategisch statt curricular messbar. Die Folge davon seien unklare Verantwortlichkeiten, heterogene Qualität und Lücken in der Lehrkräfteausbildung. Das Plenum war sich einig: Basis-Kompetenzen müssen definiert und Mindeststandards festlegt werden, anschlussfähig zum EU-Rahmen – und die Verantwortung zwischen Bund, Ländern, Kommunen operativ geklärt werden.
- Lernorte jenseits der Schule: Viele Menschen werden außerhalb formaler Bildung erreicht – VHS, Senior*innenarbeit, Quartierszentren, Vereine, Betriebe. Informelles Lernen sei oft wirksamer als ein klassischer Kurs. Kooperationen und aufsuchende Formate seien ein wichtiger Schlüssel.
- Verpflichtung vs. Niedrigschwelle: Digitale Pflichtprozesse (z. B. eAkte) können Ungleichheiten verschärfen, wenn Lerngelegenheiten fehlen. Eine Idee aus dem Plenum lautet daher: „Wer ‚digital‘ einführt, muss Bildung mitliefern“ – Jede neue digitale Pflichtanwendung solle mit finanzierter Bildungsbegleitung gekoppelt werden (Materialien, Hotline, Walk-in-Sprechstunden).
- Finden statt Suchen: Die Angebotslandschaft sei fragmentiert und teilweise unübersichtlich. Gefordert wurde im Plenum ein sichtbarer One-Stop-Einstieg (Informations-/Kontaktstelle) für Kommunen, Träger und Bürger*innen – ohne die Fehler vergangener, überladener Plattformansätze zu wiederholen. Bündeln, kuratieren, lotsen statt alles zentral hosten.