Digitale Chancen für alle – Armut darf kein Ausschlusskriterium sein
Interview mit Greta Schabram zum Thema „Digitale Kompetenzen und Armut“ in der Studie Digital Skills Gap 2025
Immer häufiger wird über digitale Teilhabe gesprochen – doch was hat eigentlich Armut mit digitaler Ausgrenzung zu tun? Warum ist es aus Ihrer Sicht gerade jetzt so wichtig, sich mit diesem Zusammenhang intensiver zu beschäftigen?
Wir als Paritätische Forschungsstelle haben anhand repräsentativer Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) herausgefunden, dass rund 21 Prozent der Menschen, die in Armut leben, zu Hause über keinen Internetanschluss verfugen. Bei Menschen, die nicht arm sind, waren es nur neun Prozent. An diesen Zahlen sieht man, dass Armut schlechtere Zugangsvoraussetzungen im Digitalen bedeutet. Wir haben zudem herausgefunden, dass arme Menschen viel seltener über den eigenen Beruf digitale Fähigkeiten aufbauen können, da sie seltener in Berufen arbeiten, in denen sie digitale Arbeitsmittel verwenden. Das heißt: Nicht nur der Zugang ist ungleich verteilt, sondern auch die Befähigung. Auch in anderen Studien wird der sogenannte Digital Divide (digitale Ungleichheit) festgestellt: Frauen, ältere Generationen, Menschen mit niedriger formaler Bildung oder geringen Einkommen sowie Nichtberufstätige stehen häufiger im digitalen Abseits und profitieren daher seltener vom digitalen Fortschritt.
Zudem wissen wir, dass neben rein finanziellen Ressourcen auch andere Grundvoraussetzungen für Digitalität gegeben sein müssen: Zeitliche, intellektuelle und soziale Ressourcen sind für digitale Teilhabe unerlässlich. Mit Zeit ist der Aspekt des Lernens und der Fortbildung gemeint, den digitales Agieren mit sich zieht. Intellektuelle Ressourcen verweist darauf, dass Digitalität durchaus die Bewältigung komplexer Prozesse erfordert und eben oftmals „ganz schön kompliziert“ ist. Mit sozialen Ressourcen verweise ich auf die Möglichkeit oder eben fehlende Möglichkeit, sich über Familie und Freund*innen, also das eigene soziale Netz, Unterstützung zu holen, wenn man sprichwörtlich die ersten Schritte geht oder (wie so oft) nicht mehr weiter weiß. Der digitale Raum setzt Zeit, Lernen und finanzielle Ressourcen voraus, die für Menschen in prekären Lebenslagen vielfach nicht oder nur unzureichend gegeben sind.
Diese empirischen Befunde werden von unseren Einrichtungen der Sozialberatung gestärkt, die einen stark gestiegenen Bedarf an Unterstützung durch die zunehmende Digitalisierung bemerken und der Nachfrage kaum nachkommen können. Denn diesen Menschen fehlt es an allem, um sich digital zurechtzufinden. Immer mehr Menschen suchen Beratungsstellen auf, weil sie Probleme bei der Nutzung digitaler Mittel haben: Kita, Aushilfsjob, Wohnungsanzeigen… überall werden digitale Mittel gebraucht. So melden Sozialberatungsstellen beispielsweise das Fehlen von Zugängen, also dass Menschen über keine E-Mailadresse verfügen oder diese nicht (mehr) kennen. Anderen fehlt das Datenvolumen oder ein funktionierender Laptop, doch meistens scheitert es am Umgang. Die Bereitstellung von Equipment wird also oftmals nicht ausreichen, um Teilhabe zu ermöglichen. Weitere Gründe sind Sprachprobleme und Analphabetismus, sodass massive Probleme beim Ausfüllen von Anträgen im Sinne digitaler Masken bestehen. Mitunter wird auch die Hilfe selbst komplizierter, da dann der Antrag nicht ausgedruckt vor zwei Personen liegt, sondern in Kleinformat auf dem Handy ist und nicht so gut „weitergegeben“ werden kann.
Diese Daten und Eindrücke zeigen zum einen sehr eindringlich die bestehenden digitalen Ungleichheiten, und zum anderen, dass es digital abseitsstehende Gruppen in ihren privaten, beruflichen und gesellschaftlichen Leben droht, ausgeschlossen zu werden.
Was verstehen Sie persönlich unter „digitaler Teilhabe“ – und welche Bedeutung kommt digitalen Kompetenzen dabei zu?
Digitale Teilhabe meint für mich den Anspruch, dass alle Menschen Zugang zur digitalen Welt haben, sich in diesem digitalen Raum zurechtfinden (Befähigung) und partizipieren können (Partizipation).
Damit beinhaltet digitale Teilhabe die drei Aspekte Zugang, Befähigung und Partizipation:
- Zugänglichkeit wie technische Voraussetzungen in Form von Hard- und Software sowie Internetzugang
- Befähigung: Wissen und Fähigkeiten, um sich in der digitalen Welt zurechtfinden und selbstbestimmt und souverän zu agieren (intellektuelle/finanzielle Ressourcen)
- Partizipation: Möglichkeit, aktiv teilzunehmen und sich einbringen zu können in die digitale Welt (zeitliche Ressourcen)
Der Befähigung oder den digitalen Kompetenzen würde ich die zentrale Rolle beim bekämpfen des Digital Divide beimessen. Hier bestehen große Unterschiede, die dazu führen, dass Menschen in durchaus mittlerweile unterschiedlichen Welten leben.
Aus Ihrer Perspektive: Mit welchen konkreten Hürden sind Menschen in Armut konfrontiert, wenn es um den Zugang zu digitalen Technologien oder das Erlernen digitaler Fähigkeiten geht? Inwiefern begrenzt Armut auch die Chance, digitale Kompetenzen im Alltag anzuwenden?
Besonders wichtig ist, dass der Zugang zum Hilfesystem und zu Sozialleistungsansprüchen, die das Existenzminimum von Erwachsenen und von Millionen Kindern sichern – nicht mit digitalen Hürden versehen ist. Der Zugang zum Bürgeramt oder Jobcenter muss auch noch analog möglich sein. Das beginnt bei der Terminvergabe. Es muss zudem die Möglichkeit geben, komplexe Lebenssituationen vor Ort mit Mitarbeitenden zu besprechen und darzulegen, ehe es ein monatelanges Hin und Her von Zuschriften gibt, das eigentlich alle Seiten nur frustrieren dürfte.
Menschen, die ihre Eltern oder Kinder pflegen und betreuen, zum Beispiel Alleinerziehende, oder Menschen, die krankheitsbedingt keiner Erwerbstätigkeit nachgehen können, müssen oftmals digitale Fertigkeiten „Zuhause“ erlernen. Bei ihnen läuft das nicht etwa über den Beruf – was für Berufstätige in „digitalfernen“ Berufen ebenfalls gilt. In solchen Fällen braucht es Zeit und Geld, um Technologien anzuschaffen und neue Fertigkeiten zu erlernen. Es bräuchte kostenfreie Angebote, um einfache erste digitale Schritte zu gehen.
BASIS: Online-Bevölkerung ab 14 Jahren (n = 7.078); Angaben in Index-Punkten von 0 bis 100
Was müsste aus Ihrer Sicht auf politischer Ebene passieren, um die digitale Teilhabe für armutsbetroffene Menschen nachhaltig zu verbessern?
Zunächst einmal braucht es ein gewisses Grundverständnis für digitale Armut. Es müssen Bevölkerungsgruppen realistisch in den Blick genommen werden, denen das digitale Abgehängtsein droht. Es müssen Angebote geschaffen werden, um Fertigkeiten bedarfsgerecht zu erwerben. An relevanten Stellen unseres Sozialstaats müssen analoge Wege bestehen bleiben, um das Existenzminimum und andere wichtige Hilfen nicht zu gefährden. Dafür wünsche ich mir ein Grundverständnis: ein Verständnis für Ungleichheit allgemein und für digitale Ungleichheit im speziellen. Die Finanzierung kostenfreier Weiterbildungsangebote, beispielsweise in unserem System sozialer Hilfen, wären sinnvoll; hierfür müssten Projekt, die digitale Teilhabe von Armutsbetroffenen fördern wollen, gut finanziert werden. Zudem braucht es Weiterbildungsangebote für Mitarbeitende der sozialen Arbeit, denn um Menschen bei der Wohnungssuche behilflich zu sein, brauchen auch diese neue Fertigkeiten.
Zudem würde ich mir wünschen, dass wir das, was digital und durch den technologischen Fortschritt alles möglich ist, viel mehr für einen funktionierenden und bürger*innenfreundlichen Sozialstaat nutzen.
Welche Rolle spielen Organisationen aus der Zivilgesellschaft und der Bildungsbereich in der Förderung digitaler Kompetenzen für benachteiligte Gruppen? Und sehen Sie auch Handlungsspielräume für Unternehmen, gezielt Menschen in Armut oder mit erhöhtem Armutsrisiko zu unterstützen?
BASIS: Bevölkerung ab 14 Jahren (n = 7.237)
Der Wohlfahrtspflege geht es ja grundsätzlich darum, sozial benachteiligten Menschen zu helfen, ein möglichst selbstständiges Leben zu führen. Zu dieser Selbstständigkeit gehört mittlerweile das digitale Leben dazu, inklusive der Bewerkstelligung eigener Angelegenheiten im digitalen Raum oder Format. Insofern leisten da unsere Sozialberatungsstellen, Bildungseinrichtungen oder auch Migrationssozialarbeit bereits einen Teil der notwendigen Arbeit bzw. Hilfestellungen. Nur braucht es eben explizit Angebote für digitale Weiterbildung, und diese müssen vom Staat finanziert werden. Unternehmen könnten sicherlich über Freistellungen für kostenfreie Weiterbildungen Menschen in Armut unterstützen.
Gibt es Initiativen oder Programme, die Ihnen besonders positiv aufgefallen sind, wenn es um digitale Teilhabe in Armutslagen geht? Und was können wir aus diesen Beispielen für die Weiterentwicklung passender Bildungs- oder Unterstützungsangebote lernen?
2021 haben wir als Paritätischer Gesamtverband gemeinsam mit unseren Mitgliedern ein Pilotprojekt zur Stärkung der digitalen Teilhabe Armutsbetroffener umgesetzt und darin die digitale Beteiligung von Menschen mit Armutserfahrungen in zwei Online-Veranstaltungen unterstützt und begleitet. Der partizipative Ansatz hat auf vielen Ebenen in den Einrichtungen gewirkt und darüber hinaus offengelegt, wie hoch der Bedarf und die Bereitschaft der Beteiligten ist, sich im digitalen Raum mit ihrer persönlichen Meinung einzubringen.
Als Paritätischer Gesamtverband führen wir aktuell das Projekt „Digitale Teilhabe stärken: Modellprojekt für barrierefreie Apps in der Selbsthilfe“ durch. Damit unterstützen wir interessierte Selbsthilfeakteure bei ihren Digitalisierungsbemühungen mit einer eigenen App. So soll die Kommunikation für Mitglieder, aber auch für interessierte Nicht-Mitglieder niedrigschwelliger gestaltet, die digitale Teilhabe sowie das Empowerment von Menschen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen gestärkt und weitere Zugänge zur Selbsthilfe geschaffen werden.
Ich glaube es geht immer darum, dass sich etwas mit dem Erlernen digitaler Fähigkeiten verknüpft, also etwas leichter wird, ein Zugang hergestellt wird. Das versuchen wir mit den Projekten.
Wenn Sie nach vorn blicken: Wie wird sich digitale Teilhabe für Menschen in Armut aus Ihrer Sicht in den nächsten Jahren entwickeln? Welche Herausforderungen, aber vielleicht auch Chancen, sehen Sie am Horizont?
In der Digitalisierung stecken unheimliche Chancen, um Menschen Zugänge zu öffnen, die vorher nicht oder nur begrenzt bestanden haben. Aber wir als Gesellschaft müssen diesen möglichen Gewinn an Teilhabe und Partizipation auch für alle Menschen nutzbar machen wollen. Für diese Aufgabe wünsche ich mir Kreativität, Engagement und am Ende auch finanzielle Mittel. Davon wird es dann auch abhängen, wie sich die bestehende Ungleichheit für armutsbetroffene Menschen entwickeln wird.