Digitale Bildung als Betriebssystem unserer Gesellschaft
Interview mit Timm Lutter zur Studie Digital Skills Gap
Herr Lutter, warum ist es aus Ihrer Sicht gerade jetzt so wichtig, über den „Digital Skills Gap“ zu sprechen? Welche gesellschaftlichen Entwicklungen machen das Thema besonders dringlich?
Digitale Kompetenzen sind in der heutigen Gesellschaft eine notwendige Basis für ein selbstbestimmtes Leben. In dem Maße, in dem das Digitale in all seinen Facetten den Alltag durchdringt, kommt digitalen Kompetenzen eine ähnliche Bedeutung wie der Alphabetisierung zu. Zu dieser individuellen kommt eine gesellschaftliche Perspektive: In dem Maße, in dem diese Kluft weiterwächst, nimmt auch die Polarisierung zu, genauso wie das Gefühl von Nachteilen im Alltag. Das kann zu einem Gefühl des Abgehängtseins führen. In einem Klima des Ressentiments schwindet das Vertrauen in politische Institutionen und Akteur*innen.
Beobachten Sie bestimmte Gruppen, die vom digitalen Wandel besonders profitieren – oder im Gegenteil: die stärker ins Hintertreffen geraten? Wie verändern sich diese Unterschiede Ihrer Einschätzung nach im Zuge des rasanten digitalen Fortschritts?
Digitalität trägt das Potenzial zum Ausgleich in sich: besserer Zugang zu Bildung, Barrierefreiheit, Telemedizin und E-Government, um nur einige zu nennen. Wir sehen jedoch aktuell eher eine Entwicklung, in der bestehenden Ungleichheiten noch weiter vertieft werden – oder umgekehrt: Gesellschaftlich ohnehin erfolgreiche Gruppen nutzen Technologie, um noch erfolgreicher zu sein. Vereinfacht gesagt: Wer sich Künstliche Intelligenz (KI) leisten kann, wird noch schneller und besser, wer nicht, fällt im Vergleich noch weiter hinten zurück – Matthäus-Effekt vs. Mehrfachmarginalisierung.
Wenn Sie in die nächsten Jahre blicken: Welche Entwicklungen und Trends rund um digitale Kompetenzen zeichnen sich ab, und welche Chancen, aber auch Stolpersteine, bringen sie mit sich?
Je nachdem in welche Richtung sich der Einsatz von KI entwickelt, kann es zum Ausgleich oder zum Wachsen des Digital Skills Gaps kommen. In der Bildung sind alle Chancen vorhanden, einen Wandel des Unterrichts hin zu mehr Individualisierung und Kompetenzorientierung zu gestalten. In diesem Szenario stehen der persönliche Lernstand und die individuelle Entwicklung der Lernenden im Fokus. Dabei werden Lehrkräfte zu Coaches, die selbstständiges, emotionales und soziales Lernen in Gruppen ermöglichen. Technologie entlastet Lehrkräfte und Lernende bekommen zusätzlich zum Lehrenden-Feedback intelligente Tutorsysteme an die Seite gestellt, die ihren Lernstand kennen.
Haben Sie ein Erfolgsbeispiel parat, in dem digitale Kompetenzen gezielt in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe gestärkt wurden? Was hat diese Projekte so zugänglich gemacht und Barrieren abgebaut?
Nehmen wir den Bereich der Online-Nachhilfe, in dem Schüler*innen schon seit Jahren Unterstützung durch Lernvideos und interaktive Übungen bekommen. Mit KI zünden wir die nächste Stufe: Jetzt können spezifische Fragen 24 Stunden am Tag individuell durch KI-Tutor*innen erklärt werden. Wichtig bei solchen Anwendungen ist jedoch, dass ein didaktisches Konzept vorliegt: Die KI sollte nicht einfach die Hausaufgaben des Lernenden lösen, sondern ihn Schritt für Schritt dabei unterstützen. KI wird also nicht zum Skill Skipping, sondern zum Kompetenzaufbau genutzt.
Wie kann die Zusammenarbeit zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft verbessert werden, um digitale Kompetenzen flächendeckend zu fördern?
In der AG Bildung der D21 sagen wir immer: Bildung ist das Betriebssystem unserer Gesellschaft, weil eine gut ausgebildete Bevölkerung zur wirtschaftlichen Entwicklung beiträgt und gesellschaftliche Stabilität sichert. Wenn wir in diesem Sprachbild bleiben, dann muss uns klar sein, dass ein Betriebssystem nicht ohne angemessene Updates und Maintenance auskommen. Es braucht politischen Willen, echte Finanzierungsimpulse, damit wir uns gemeinsam gegen eine seit zwei Jahrzehnten bestehende Abwärtsbewegung stemmen. Um es klar zu sagen: Zwei zentrale Studien – PISA und IGLU – zeigen, dass die durchschnittlichen Leistungen gesunken sind, das deutsche Schulsystem also hinter das Niveau von 2000 bzw. 2001 gefallen sind. Darum ist eine massive Investition in diese gesellschaftliche Kernaufgabe dringend geboten.
BASIS: Online-Bevölkerung ab 14 Jahren (n = 7.078); Angaben in Index-Punkten von 0 bis 100
Abschließend: Wie sieht für Sie eine wirklich digital kompetente Gesellschaft aus?
Die D21 hat dafür eine sehr schöne Definition gefunden: Eine digital kompetente Gesellschaft besteht aus mündigen Bürger*innen, die aktiv an digitaler Wertschöpfung teilnehmen, souverän mit Informationsfluten und gezielter Meinungsmanipulation umgehen, Hass und Hetze begegnen und die Digitalisierung ihres Alltags als Erleichterung und Bereicherung erleben. Zugespitzt: ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der wir nicht alles gleich aufgeregt weiterleiten, sondern reflektierend innehalten und uns fragen: Ist das echt? Was steckt dahinter? Dann können wir dem im Zweifel mit einer inneren „Shruggie-Haltung“ begegnen.