KI in Bewegung: Humanoide Roboter – Zwischen Science-Fiction und Realität

Was wäre, wenn humanoide Roboter zukünftig lästige oder körperlich herausfordernde Aufgaben für uns übernehmen – egal ob als Alltagshilfe oder als Arbeitskraft in der Industrie? Müssen wir in Zukunft nie wieder schwere Sprudelkästen schleppen und ist die humanoide Robotik ein realistischer Lösungsansatz für den Fachkräftemängel? Darum, was davon (noch) Science-Fiction ist und was bereits Realität, ging es bei „KI in Bewegung“.

Die Panelist*innen mit der Moderatorin Katja Weber

Berlin. Welche Hoffnungen auf Erleichterungen für Menschen können humanoide Roboter erfüllen, in einer Zeit, in der immer mehr Künstliche Intelligenz (KI) in die Robotiksysteme einfließen kann? Wer kann sich einen persönlichen Roboter leisten, und welche neuen Formen sozialer Spaltung entstehen? Wie verändern sich Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor? Diese und weitere Fragen standen im Zentrum des fünften Events der Veranstaltungsreihe KI in Bewegung: Wie Physical AI unseren Alltag revolutioniert, die die Initiative D21 gemeinsam mit MISSION KI im IQZ Berlin veranstaltet.

Nach einer kurzen Begrüßung durch Dr. Katharina Kaufmann von MISSION KI zum ersten Event nach der Sommerpause, hieß Lena-Sophie Müller, CEO der Initiative D21 alle Anwesenden herzlich Willkommen. Dabei betonte Müller die Relevanz und Aktualität der Themen rund um Physical AI, wie sie auch heute behandelt werden:

Lena-Sophie Müller heißt alle Teilnehmenden herzlich willkommen
Es ist wichtig, dass wir uns frühzeitig mit den Auswirkungen beschäftigen. So können wir gemeinsam überlegen, welche Aspekte sich verändern und welche Akteure und Entscheidungsträger*innen in diese Prozesse miteingebunden werden müssen.
Lena-Sophie Müller, Initiative D21 

Technologischer Fortschritt mit vielen Unbekannten

Als Impulsgeber gewährte Dr. Sirko Straube, Forschungsbereichsmanager am DFKI Robotics Innovation Center in Bremen, einen Einblick in den aktuellen Forschungsstand der humanoiden Robotik und die technischen, ethischen und gesellschaftlichen Herausforderungen, die mit ihr einher gehen.

Dr. Sirko Straube, Forschungsbereichsmanager am DFKI Robotics Innovation Center in Bremen
Dr. Sirko Straube, DFKI Robotics Innovation Center Bremen

„Kommt jetzt das Zeitalter der humanoiden Robotik oder nicht?“ – diese Frage stellte Straub zu Beginn in den Raum. Humanoide Roboter, also menschenähnliche Maschinen, gelten als Königsdisziplin der Robotik. Das gesteigerte Interesse an diesem Bereich (gerade seitens der USA) sei in den letzten Jahren vermehrt zu spüren gewesen: Investitionssummen in Millionen- oder gar Milliardenhöhe werden in die Entwicklung humanoider Roboter gesteckt. Doch: Es gebe einige Faktoren, die die Einschätzung der zukünftigen Entwicklungen in diesem Bereich erschweren. Ein Großteil der Forschung finde heute in Unternehmen statt – abseits öffentlicher Kontrolle. Diese mangelnde Transparenz schaffe Unklarheit und Unsicherheit – sowohl in der Bevölkerung, als auch in der Forschung selbst.

Straube betonte: Fortschritte in der Robotik seien immer gekoppelt an die Entwicklung von Hard- und Software – von Motoren und Sensoren bis zu neuronalen Netzwerken, die mit wachsender Rechenleistung immer leistungsfähiger werden:

Wir sehen die Roboter immer als Ganzes, aber die Robotik ist eine Technologie, die von ihren Komponenten abhängt. 
Dr. Sirko Straube, Robotics Innovation Center DFKI

Wie lernen Roboter – und was bedeutet das für uns?

Im Vergleich zu menschlichem Lernen durchlaufen Roboter andere Entwicklungsschritte: Sie springen direkt von Sprache zu Weltmodell – ohne den komplexen Lernprozess, den Menschen über Jahre durchlaufen. Ob es möglich sei, diesen Weg technisch nachzukonstruieren, bleibe aktuell eine offene Forschungsfrage. Auch das Thema Bewusstsein und Autonomie wurde kritisch beleuchtet. Die Systeme seien heute in der Lage, bestimmte Abläufe durchzuführen, doch eine wirkliche Eigenständigkeit – wie das selbständige Lösen neuer Probleme – sei bislang nicht gegeben.

Was bedeutet das für den Alltag? Für Straube ist klar: Wir müssen lernen, mit diesen Einschränkungen umzugehen und gleichzeitig genauer definieren, wofür wir KI überhaupt einsetzen wollen – und wofür nicht.

Diskussion: Zwischen Werkzeug, Hoffnungsträger und Risiko

In der anschließenden Podiumsdiskussion mit Dr. Isabella Hermann (Science-Fiction- und Zukünfte-Expertin), Tim Brauckmüller (aconium | Vorstand Initiative D21) und Dr. Sirko Straube ging es um konkrete Anwendungsbereiche, gesellschaftliche Erwartungen und kritische Perspektiven auf die Technologie.

Die Panelist*innen im Gespräch
Dr. Isabella Hermann, Science-Fiction- und Zukünfte-Expertin
Tim Brauckmüller, aconium und Vorstand D21
Tim Brauckmüller, aconium und Vorstand D21

Für Isabella Hermann steht fest:

Ich sehe KI als Werkzeug – nicht als Freund oder Gefährten.
Dr. Isabella Hermann, Science-Fiction- und Zukünfte-Expertin

Gerade bei Systemen, die uns im Alltag unterstützen sollen, sei Skepsis angebracht – etwa in Bezug auf Datensicherheit, Unternehmensinteressen und Transparenz.

Tim Brauckmüller wiederum betonte das große Potenzial humanoider Roboter im Bereich Pflege und Alltagshilfen – insbesondere vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels. Gleichzeitig müsse die Technik zuverlässig, sicher und akzeptabel gestaltet werden, damit sie verlässlich eingesetzt werden könne. Straube verwies in diesem Zusammenhang auf die hohe Komplexität der humanoiden Robotik: Verschiedene Komponenten – von Sensoren über Motoren bis zur Software – müssen exakt aufeinander abgestimmt werden. Daher sei eine Spezialisierung auf konkrete Einsatzgebiete derzeit realistischer als ein „Generalisten-Roboter“.

Ganz ohne Menschen wird es – zum Glück – aber auch in Zukunft natürlich nicht gehen:

Das Fachwissen der Menschen ist unersetzlich. Wir müssen sicherstellen und ermöglichen, dass es weitergegeben wird und nicht verloren geht, wenn Roboter viele Aufgaben übernehmen.
Tim Brauckmüller, Geschäftsführer aconium und Vorstand Initiative D21

Technik trifft Gesellschaft: Wer gestaltet die Zukunft mit?

Ein zentraler Aspekt der Diskussion war die gesellschaftliche Mitgestaltung. Ob Fragen der sozialen Ungleichheit, der Bildung oder der regulatorischen Rahmenbedingungen – die Integration humanoider Roboter in den Alltag wirft viele Herausforderungen auf.

So stellte sich etwa die Frage, wie sich etwa das Lohnsystem oder bestehende Arbeitsmodelle verändern könnten, wenn monotone oder gefährliche Tätigkeiten zunehmend von Robotern übernommen werden. Hier entstehe ein Bildungsauftrag für die Gesellschaft, so Straube – nicht nur für junge Menschen, sondern gerade auch für erfahrene Fachkräfte.

Zugleich wurde deutlich: Der Zugang zu KI und Robotik ist ungleich verteilt – etwa zwischen Stadt und Land oder zwischen unterschiedlichen Einkommensgruppen. Ohne politischen Ausgleich drohe hier eine Verschärfung bestehender sozialer Spaltungen.

Die Teilnehmenden folgen gespannt der Diskussion
Die Teilnehmenden folgen gespannt der Diskussion
Das Publikum beteiligte sich ebenfalls mit spannenden Fragen an der Diskussion
Das Publikum beteiligte sich ebenfalls mit spannenden Fragen an der Diskussion

KI ist keine Zukunftsvision – sondern Gegenwart

Der große Hype um humanoide Roboter trifft derzeit noch auf die Realität technischer Grenzen. In den kommenden Jahren sei mit spezialisierten, teils stationären Anwendungen zu rechnen, etwa in der Industrie oder im Servicebereich, so die Diskutant*innen.

Der Blick in die Zukunft bleibt offen: Zwischen ambitionierten Marketingversprechen und tatsächlicher Umsetzbarkeit.

In fünf Jahren werden wir von vielen gezeigten Systemen noch nichts im Alltag sehen – höchstens in sehr spezifischen Anwendungen.
Dr. Sirko Straube, Robotics Innovation Center DFKI
Einige der Teilnehmen unterhalten sich miteinander
Zwischen den Teilnehmenden kam es ebenfalls zu spannenden Austauschen

Fazit: Technik gestalten – gemeinsam und bewusst

KI und Robotik sind keine Selbstläufer – das wurde bei dem Event deutlich. Es braucht informierte Diskussionen, gesellschaftliche Mitgestaltung und mutige Regulierung, um die Technologie verantwortungsvoll zu entwickeln und einzusetzen. Humanoide Roboter bleiben ein faszinierendes Ziel – aber bis dahin gilt es, viele Puzzleteile zusammenzusetzen.

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Porträt von Gordon Fließ

Gordon Naninga Fließ, Referent Digitale Zukünfte (er/ihm)