KI in Bewegung: Physical AI aus Perspektive der Politik – vom Labor in den Alltag
Was bedeutet es politisch, wenn Physical AI nicht länger Zukunftsmusik ist, sondern bereits Einzug in unseren Alltag hält? Wie kann Politik den Rahmen für diese technologische Transformation setzen – und wo liegen die größten Herausforderungen? Nach fünf Ausgaben von „KI in Bewegung“, die thematisch von KI im Gesundheitswesen über Anwendungen in der Landwirtschaft bis hin zur humanoiden Robotik reichten, stand zum Abschluss der Reihe genau diese Perspektive im Mittelpunkt: Gemeinsam diskutierten Expert*innen aus verschiedenen Bundesministerien mit D21-CEO Lena-Sophie Müller darüber, welche Voraussetzungen es braucht, welche Hürden zu überwinden sind und welche nächsten Schritte für Physical AI in Deutschland anstehen.
Berlin. In den vergangenen Veranstaltungen unserer Reihe „KI in Bewegung“ in Zusammenarbeit mit MISSION KI haben wir konkrete Anwendungsfelder von Physical AI beleuchtet. Dabei sind immer wieder grundlegende Fragen aufgetaucht: Wie stellen wir sicher, dass diese Technologien allen zugutekommen? Welche Rahmenbedingungen braucht es für Innovation bei gleichzeitigem Schutz von Grundrechten und Arbeitsplätzen? Und wer trägt Verantwortung, wenn KI-Systeme selbstständig handeln? Diese und weitere Fragen diskutierten die politischen Expert*innen aus den Bundesministerien gemeinsam mit D21 CEO Lena-Sophie Müller in der letzten Ausgabe unserer Veranstaltungsreihe.
Was läuft gut? Forschung, Start-ups und erste Anwendungen
Die Runde war sich einig: Deutschland hat starke Forschung, engagierte Start-ups und eine reichhaltige industrielle Basis. Auch die Akzeptanz in der Bevölkerung steige – man nehme grundsätzlich eher Neugierde gegenüber dem Thema KI war statt Ängste oder Sorgen. Ana Dujic, Abteilungsleiterin Denkfabrik – Digitale Arbeitsgesellschaft im Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), betonte diese wachsende Bereitschaft der breiten Bevölkerung gegenüber KI:
Je faktenbasierter eine solche Diskussion läuft, je weniger Ängste geschürt werden, desto offener zeigt sich die breite Bevölkerung auch gegenüber Themen wie KI und Physical AI.
So nutzen laut dem BMAS vorliegenden Zahlen über 62 % der Beschäftigten bereits KI – besonders dort, wo Robotik im Einsatz sei.
Lena-Sophie Müller, CEO der Initiative D21 konkretisierte diesen Rahmen: Physical AI entstehe, wenn KI mit Robotern zusammenkommt, die sich autonom in unserer Welt bewegen. Das sei teils Realität – etwa in Landwirtschaft oder Fertigung –, teils aber auch noch entfernt, insbesondere im öffentlichen Raum, wo beispielsweise Regulierung und Fragen zur Versicherung hohe Hürden darstellen.
Für Engelbert Beyer, Unterabteilungsleiter Schlüsseltechnologien im Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), ist Deutschland bei diesen Themen vor allem in der Wissenschaft stark aufgestellt: Vernetzte Start-ups und junge Unternehmen sorgen für Dynamik – oft mit Anschluss an traditionellere Automatisierung. Dabei verwies Beyer auf den geplanten „KI-Robotikbooster“: Exzellente Forschung solle sichtbar und skaliert werden. Dazu seien Leuchtturmprojekte der nächste Schritt:
Die Grundlagen sind da. Jetzt gilt es zu handeln – auch mit Blick auf die Konkurrenz aus USA und China
Robert Heinrich, Unterabteilungsleiter Digitalwirtschaft, KI und Daten im Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS), skizzierte, welche politischen Hebel es jetzt gebe, um ins Handeln zu kommen:
Es braucht Begegnungsräume für Wirtschaft und Forschung wie zum Beispiel Digital Hubs. Gleichzeitig müssen wir bessere Rahmenbedingungen schaffen.
Das heiße konkret: Rechenleistung in Deutschland, Datenräume für Industrie (Data Act) und eine verlässliche Infrastruktur. Zudem solle man die Industriedaten als Standortvorteil sehen – als Gegenstück zu konsumdatengetriebenen Modellen. Dujic hob auch die Stärke der deutschen Industriestruktur hervor: Das Geflecht aus Großunternehmen, Mittelstand und Start-ups, begleitet von Arbeitnehmer*innenvertretungen, schaffe ein Fundament für eine einzigartige Anpassungsfähigkeit.
Herausforderungen: Transfer, Tempo, Akzeptanz
Trotz Spitzenforschung bleibe der Transfer in Produkte ein Engpass auf dem Weg zum gezielten Einsatz von Physical AI in Deutschland. Beyer warnte vor einem drohenden Verlust der industriellen Basis und plädierte für Investitionen sowie Schnelligkeit beim Umsetzen längst diskutierter Ideen.
Müller mahnte, Anwender*innen stärker in den Blick zu nehme:
Wir müssen anfangen, echte Interaktionen zwischen Mensch und Robotik zu erproben – nicht nur im Labor, sondern im Alltag.
Reallabore seien wichtig, doch Realwelt-Interaktionen im öffentlichen Raum seien entscheidend für Lernen und Akzeptanz. Heinrich verwies auf Regulierungsüberschneidungen, fehlende Anlaufstellen und lange Verfahren. Ziel müsse eine schlankere Gesetzgebung und eine KI-Verordnung sein, die Reallabore ermöglicht. Und Dujic ergänzte: Es brauche AI Literacy in der Breite der Bevölkerung – von Basisschulungen bis zu Datenschutzkompetenz für Beschäftigte, auch außerhalb von Bürojobs.
Für den Wissenstransfer aus den Hochschulen in die Wirtschaft nannte Dujic drei konkrete Hebel:
- einen besseren europäischen Kapitalmarkt (Skalierung)
- schnellere Verwaltungswege, um Talente halten oder zurückholen zu können
- mehr Beteiligung von Frauen in Physical AI – um Potenziale zu heben und Bias abzubauen.
Beyer und Heinrich blickten zudem auf Förderstrukturen: Es gelte, Verfahren zu beschleunigen, das Innovationsfreiheitsgesetz voranzutreiben und Bund-Länder-Hürden zu reduzieren. Auch das Abschaffen unnötiger Gesetze solle dabei belohnt werden, so Heinrich.
Beim Thema Rechenleistung war die Runde pragmatisch: Mehr Kapazitäten würden in jedem Fall gebraucht – vorzugsweise europäisch, aber kurzfristig auch mit US-Technologie, solange Europa Schritte zur Souveränität gehe. Gleichzeitig gelte: Ein „langsameres“ Tempo könne auch von Vorteil sein – für eine bessere Überprüfbarkeit, Sicherheit und gesellschaftliche Einbettung.
Nächste Schritte: Dringlichkeit anerkennen, Zusammenarbeit stärken
Für die Arbeitswelt zeichnete Dujic ein Zukunftsbild, das Handeln nötig macht: Bis zum Ende des Jahrzehnts werde es kaum mehr Jobs geben, die von KI gänzlich unbeeinflusst seien. Dabei würden weniger ganze Jobs flächendeckend verschwinden, sondern sich Jobprofile weiterentwickeln. In 10 bis 15 Jahren sei mit Physical AI ein großer Produktivitätsvorsprung möglich – wenn Kompetenzen und der Rahmen mitwachsen.
Die Runde formulierte klare To-dos für die nächsten Monate:
- „Sense of Urgency“ in der Politik – schneller handeln, Skalierung ermöglichen.
- Ressortübergreifende Zusammenarbeit und offene Kommunikation
- Faktenbasierte Medienberichterstattung und gesellschaftlicher Dialog für die mit der Einführung von Physical-AI-Systemen einhergehenden Fragen
- Niedrigschwellige Schulungen, Datenkompetenz und transparenter Datenschutz in Unternehmen
- Und nicht zuletzt: Einsatz von KI in der Verwaltung, um Vertrauen in solche Systeme zu stärken
Heinrich bat um Geduld für neue Strukturen – verbunden mit der Zusage, gemeinsam mit anderen Ressorts voranzugehen. Müller betonte die Neugier in der Bevölkerung und die Chance, Entlastung z.B. in Lieferketten, Gefahrensituationen und Pflege spürbar zu machen – rechtssicher und menschenzentriert.
Als Fazit aus dem Gespräch der Vertreter*innen aus den Ministerien lässt sich festhalten: Physical AI wird technisch immer greifbarer, braucht aber politische und gesellschaftliche Gestaltung. Es benötigt Tempo, klare Regeln und echte Anwendungen im Alltag. Der Weg von der Insellösung zum breiten Einsatz führt über Zusammenarbeit, Kompetenzaufbau und Mut, draußen zu testen. Im Netzwerk der Initiative D21 werden wir diesen Prozess in Zukunft mit einer „AG Physical AI“ weiter begleiten und voranbringen.