AG-Blog | Physical AI als gesellschaftliche Aufgabe: Auftakt zur neuen AG

Was bedeutet die Verschmelzung von KI und Robotik konkret für Deutschland – und wie lässt sich dieser Wandel verantwortungsvoll steuern? Mit dieser Leitfrage startete die neue AG Physical AI der Initiative D21 in ihre erste Sitzung. Nach fast drei Jahrzehnten Arbeit zu digitalen Transformationsprozessen rückt nun ein nächstes Kapitel in den Fokus – Physical AI mit all ihren technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Implikationen.

Verschiedene Menschen im Publikum im Gespräch versunken

Berlin. „Der ChatGPT-Moment für Robotik ist gekommen“, so sagte es NVIDIA-CEO Jensen Huang Anfang des Jahres. Zeitgleich dominierte Physical AI die weltgrößte Technologiemesse CES in Las Vegas. Humanoide Roboter, die Poker spielen und mit Besucher*innen tanzen; neue KI-Modelle für Robotik; neu gegründete Physical-AI-Einheiten großer Unternehmen: Die Dynamik ist offenkundig. KI verlässt den Bildschirm und wirkt in der physischen Welt: Pflegeroboter, die nicht nur Medikamente bringen, sondern Gespräche führen können; autonome Fahrzeuge; intelligente Systeme in Landwirtschaft, Produktion und Gebäuden.

Lena-Sophie Müller und Gordon Fließ auf der Bühne
Gordon Fließ & Lena-Sophie Müller

Die grundlegenden Entscheidungen fallen jetzt – welche Anwendungen entstehen, nach welchen Prinzipien sie funktionieren, wer die Standards setzt. Deutschland hat die Stärken, um in dieser Transformation eine gestaltende Rolle zu spielen, seien es exzellente Forschung, ein starker Maschinen- und Anlagenbau oder wertvolles Industriewissen. Damit wir diesen Handlungsspielraum nutzen können, müssen jetzt die Weichen gestellt werden.

Mit dieser Analyse begrüßten Lena-Sophie Müller, CEO der Initiative D21, und Gordon Naninga Fließ, D21-Referent für Digitale Zukünfte, die Teilnehmenden der Auftakt-Sitzung der neuen AG Physical AI, die sich mit genau diesen Fragen in Zukunft beschäftigen wird. Müller betonte das Transformationspotenzial von Physical AI:

Wir begleiten als Initiative D21 nun bereits seit fast drei Dekaden digitale Transformationen. Jetzt sehen wir, dass durch Verschmelzung von KI und Robotik eine neue gesellschaftlich herausfordernde Transformation entsteht. Hier gilt es anzuknüpfen und zu handeln… und zwar jetzt.
Lena-Sophie Müller, Initiative D21
Cordula Meckenstock und Tim Brauckmüller sprechen zu vielen Menschen im Publikum
Tim Brauckmüller & Prof. Dr. Cordula Meckenstock

In den Augen von Tim Brauckmüller, Co-Leitung der neuen AG und Geschäftsführer von aconium, sollte der Blick im Diskurs insgesamt auf die gemeinsame Gestaltungsverantwortung gerichtet werden. Statt vor allem Risiken zu diskutieren, plädierte er dafür, Physical AI als gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe begreifen: „Wenn wir früh Verantwortung übernehmen, Standards mitprägen und unsere Stärken in Industrie und Forschung einbringen, kann Physical AI zu einem echten Fortschrittsprojekt für Deutschland und Europa werden.“ Auch Prof. Dr. Cordula Meckenstock, Co-Leitung der AG Physical AI und CEO von lawpilots, bekräftigte diesen Aspekt:

Es ist wie bei der Globalisierung: Das ‚Ob‘ steht überhaupt nicht mehr zur Debatte. Aber das ‚Wie‘ kann und sollte noch mitgestaltet werden.
Prof. Dr. Cordula Meckenstock, lawpilots | D21-Gesamtvorstand

Was Physical AI leisten kann

Die Potentiale von Physical AI liegen auf dem Tisch: In alternden Gesellschaften mit bereits bestehendem Arbeitskräftemangel sind wir auf Lösungen angewiesen, die uns erlauben, unseren Wohlstand und Lebensstandard auch in der Zukunft mit weniger menschlicher Arbeit zu sichern – oder sogar zu heben. Wie viel leichter, sicherer und inklusiver könnte unser Leben werden, wenn intelligente Robotik uns dabei unterstützt?

Gleichzeitig stellen sich auch schwierige Fragen: Wie gestalten wir diese Entwicklung so, dass sie auch wirklich Allen zugutekommt? Und wie sichern wir Akzeptanz, Teilhabe, Souveränität und Wertschöpfung in Deutschland und in Europa?

Die Initiative D21 versteht sich dabei als Bindeglied zwischen Wissenschaft und Wirtschaft – mit dem Anspruch, aus der AG Physical AI Handlungsempfehlungen zu entwickeln. Der klare Auftrag: aktiv gestalten statt zuschauen. Das Ziel ist ein von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft breit getragener Physical AI Action Plan.

Lena-Sophie Müller auf der Bühne der AG
Lena-Sophie Müller
2 Personen im Gespräch
Martin Vesper & Dr. Alexandra-Gwyn Paetz

Robotik „Made in Germany“

Prof. Dr. Tamim Asfour, Leiter des High Performance Humanoid Technologies Lab am Karlsruher Institut für Technologie und Sprecher des Robotics Institute Germany (RIG), skizzierte Mission und Aufbau des RIG: ein Ökosystem für Robotikforschung, bildung, innovation und Transfer. Deutschland sei im Bereich der Robotik gut aufgestellt: eine starke Industrie, Engineering-Expertise, Talente und – im Unterschied zu anderen Regionen – hohe ethische Standards. Das sei ein Vorteil. Jetzt gelte es, die Integration von KI und Robotik weiter voranzutreiben, die Innovationsgeschwindigkeit zu erhöhen und die technologische Souveränität sicherzustellen.

Prof. Dr. Tamim Asfour auf der Bühne
Prof. Dr. Tamim Asfour

Außerdem sprach er über humanoide Robotik. Die Vision reiche weit: Mehrzweckmaschinen mit physikalischer Intelligenz, ein Multi-Milliardenmarkt bis 2035 und langfristig Roboter, die vielleicht alles können, was Menschen können. Zugleich zeigte sich Asfour beim Blick auf den Status quo realistisch: Zwar seien die Fortschritte in den letzten Jahren groß, aber es gebe auch noch viel Luft nach oben. Viele humanoide Systeme seien noch zu langsam und nicht alltagstauglich.

Fünf Kräfte treiben laut Asfour den Wandel besonders an:

  • Fortschritte in der Mechatronik
  • KI-Fortschritte
  • Beginnende Massenproduktion
  • demografischer und ökonomischer Druck
  • der Formfaktor: Unsere Infrastruktur ist für humanoide Formen optimiert.

Nach Asfours Ansicht könnten humanoide Systeme bis 2050 viele menschliche Tätigkeiten ersetzen, wenn jetzt die entscheidenden Probleme gelöst werden:

  • Manipulation: verlässliche Interaktion mit physikalischem Raum
  • Robustheit gegenüber Unsicherheiten
  • Sicherheit & Vertrauen, beispielsweise durch Zertifizierungen
  • Kognitive Architekturen für Embodied Intelligence.

Asfour glaubt, dass Europa (und auch Deutschland) durchaus die Möglichkeit habe, an der Spitze von KI-gestützter Robotik zu stehen. Allerdings herrsche hier akuter Handlungsbedarf:

Es ist fünf vor zwölf für Deutschland und Europa. Diesen wichtigen Zug darf man nicht verpassen.
Prof. Dr. Tamim Asfour, Karlsruher Institut für Technologie | Robotics Institute Germany

Vom Hype zum Massenmarkt

Prof. Dr. Alin Albu-Schäffer auf der Bühne
Prof. Dr. Alin Albu-Schäffer

Prof. Dr. Alin Albu-Schäffer, Direktor des DLR-Instituts für Robotik und Mechatronik, Professor für „Sensorbasierte Robotersysteme und intelligente Assistenzsysteme“ an der TU München und Koordinator des europäischen Forschungsprojekts euROBIN, ordnete den aktuellen Hype um Physical AI ein: Der demografische Wandel in Deutschland und Europa zwinge zur Automatisierung, doch die Akzeptanz in der breiten Bevölkerung bleibe eine Herausforderung.

Im Bereich der Robotik könne man aktuell eine Entwicklung hin zu einem Massenmarkt beobachten: Die USA und China würden extrem hohe Investitionssummen in die Robotik-Forschung und -Entwicklung stecken und diese Bereiche stark fördern. Daher warnte Albu-Schäffer:

Wir müssen JETZT handeln.
Prof. Dr. Alin Albu-Schäffer, DLR | TU München

Zwar seien viele Prozesse in der Lizensierung und Zertifizierung bereits deutlich weniger langwierig als in der Vergangenheit, aber auch hier liege noch viel Verbesserungspotenzial. Gleichzeitig sei dank reiferer Komponenten-Ökosysteme eine Beschleunigung des Technologietransfers zu beobachten. Besonders wichtig sei weiterhin die Arbeit an der Mensch-Maschine-Schnittstelle, denn KI-basierte Robotik-Systeme sollten befähigen statt bevormunden.

Mehrere Menschen beim Essen, trinken und sich unterhalten
Austausch zwischen den AG-Mitgliedern in der Pause

Eine mögliche Antwort auf die internationale Konkurrenz sieht Albu-Schäffer in der europäischen Zusammenarbeit. Europa habe in der Robotikforschung traditionell eine führende Position inne und liege in vielen Bereichen – etwa bei kollaborativen Robotern, Mensch-Roboter-Interaktion oder SLAM-Verfahren 1 – sogar vor den USA und Asien. Das europäische Netzwerk euROBIN vereine die stärksten Forschungslabore des Kontinents und habe robotische Lösungen sowie Kooperationsinstrumente entwickelt, die als Grundlage für weiteres Wachstum dienen könnten.

Allerdings vollziehe sich international gerade ein Paradigmenwechsel: Die Robotik entwickle sich zu einem Massenmarkt, der in seiner Größenordnung mit der Automobilindustrie oder der Telekommunikationsbranche vergleichbar sei. Darauf müsse Europa mit einem entsprechenden Programm reagieren. Der Einsatz von KI-basierten Robotik-Systemen in Deutschland und der EU bringe zudem eine Vielzahl an ethischen, sozialen und politischen Implikationen mit sich. Hier brauche es überregionale Antworten – wohlmöglich in Form eines europäischen „Robotics Acts“ oder eines „Embodied Intelligence Acts“, der Forschung, Industrie und Politik in einem gemeinsamen Programm zum Nutzen der europäischen Bürger*innen zusammenführe.

Regulatorische Perspektive: Leitplanken als Standortvorteil

Michael Kolain auf der Bühne
Michael Kolain

Michael Kolain, Vorstand der Robotics and AI Law Society (RAILS) und Head of Policy des Zentrums für Digitalrechte und Demokratie, machte deutlich: Die Rechtslage zur Regulatorik von Physical-AI-Systemen ist aktuell noch fragmentiert. Betroffen seien zum Beispiel die Sphären Daten- und Digitalrecht, Sicherheits- und Produktionsrecht, Spezialgesetze und technische Standards. Hier bestehe die Notwendigkeit einer Reform zur Vereinheitlichung, wie auch von Albu-Schäffer angesprochen.

Das im Diskurs gängige Framing „Innovation vs. Regulierung“ greife in seinen Augen in jedem Fall zu kurz:

Ich halte dieses Narrativ von Innovation vs. Regulierung für ein reines PR-Framing, das sich im Übrigen auch durch Studien nicht bestätigen lässt. Allerdings glaube ich, dass ein früher Regulierungsansatz Standards setzt und Innovation in eine gemeinwohl-orientierte Richtung lenken kann.
Michael Kolain, RAILS | Zentrum für Digitalrechte und Demokratie

Demokratische Gesetze könnten die Nutzung von Technologie in inklusivere Bahnen lenken und Machtkonzentration brechen. Im Bereich Robotik bestehe jetzt noch die Möglichkeit, die passenden Leitplanken zu setzen. Ein „Robotics Act“ solle dabei zwei Ziele miteinander vereinbaren: erstens die Vorschriften für die Zulassung von Robotern zu vereinheitlichen und Unternehmen Mehrfachaufwand bei Standardisierung und Zulassung zu ersparen; zweitens gesellschaftliche Risiken zu adressieren – so sollte es z. B. verboten sein, Roboter im öffentlichen Raum zu bewaffnen.

Standardisierung ermögliche modulare und diversifizierte Lieferketten, wie wir sie aus der Automobilindustrie kennen. So könne auch „Robotics made in Germany“ aussehen. Dieser Ansatz mindere Monopolisierung und stärke technologische Souveränität. Start-ups müssten nicht zwangsläufig Unicorns sein. Zulieferer mit klaren Standards seien ebenso wichtig. Ein Robotics Act, der sinnvoll kalibriert, europäisch gedacht und technisch standardisiert ist, könne den Rahmen setzen.

Politische Hebel: Roadmaps, Transfer, Tempo

Dr. Alexandra-Gwyn Paetz, Abteilungsleiterin Technologische Souveränität und Innovation im Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), lieferte zum Abschluss eine politische Perspektive auf das Thema Physical AI. Sie betonte, dass Deutschland angesichts der weltweiten Entwicklungen in der Robotik keine Zeit zu verlieren habe. Um diesen Moment aktiv mitzugestalten, bilde die Hightech Agenda Deutschland (HTAD) den strategischen Rahmen, für den die Bundesregierung mindestens 18 Milliarden Euro allein aus dem Etat des BMFTR vorsieht:

Getreu dem Spirit der Hightech Agenda Deutschland, aus Forschungsstärke Wirtschaftskraft zu erzeugen, setzt das BMFTR mit dem KI-Robotikbooster fokussierte Akzente. Dabei setzen wir konsequent auf Exzellenz und Wettbewerb.
Dr. Alexandra-Gwyn Paetz, BMFTR
Dr. Alexandra-Gwyn Paetz auf der Bühne
Dr. Alexandra-Gwyn Paetz

Paetz sieht die Stärken Deutschlands vor allem in der exzellenten, breit aufgestellten Forschung, mahnte jedoch an, dass die entscheidende Herausforderung in der Überwindung der deutschen Transferschwäche liege.

Das Ministerium setze auf ein neues Niveau an Agilität und Ambition. Fördergelder würden konsequent im Wettbewerb und auf Basis klarer Qualitätskriterien fließen. Ein wesentlicher Bestandteil sei Mut zum Risiko und zur Korrektur. Für alle Vorhaben würden verbindliche Meilensteine gesetzt. Flankiert werde dieser Prozess durch ein 360-Grad-Monitoring, das es ermöglicht, sowohl aus Erfolgsgeschichten als auch aus Fehlern zu lernen, um die Maßnahmen dynamisch anzupassen. Ziel sei es, die vorhandene Forschungsstärke durch gezieltes Technologie-Roadmapping und ein starkes Commitment aller Partner wieder in echte Wirtschaftskraft und technologische Souveränität zu übersetzen.

Aktuell wird oft vom ChatGPT-Moment in der Robotik gesprochen. Wir wollen diesen nicht nur nutzen, sondern mitgestalten. Der Zeitpunkt des Handelns ist gekommen. Wir dürfen jetzt das Momentum nicht verlieren!
Dr. Alexandra-Gwyn Paetz, BMFTR

Diskussion: Akzeptanz, Realweltdaten, Reallabore

Mit den Inputs aus Politik, Wissenschaft und Regulierung ausgestattet gingen die Mitglieder der neuen Arbeitsgruppe in den Austausch zur zukünftigen Arbeit und möglichen Schwerpunkten. In der offenen Runde ging es um Realweltdaten im öffentlichen Raum (für Akzeptanz und Lerneffekte), schlankere Verfahren und Experimentierklauseln. Es herrschte Einigkeit: Physical AI breitet sich aus – die Frage ist nur das „Wie“.

Die Auftaktsitzung hat gezeigt: Physical AI ist kein fernes Szenario, sondern der nächste Transformationsschub. Deutschland hat exzellente Voraussetzungen – jetzt entscheiden Transfer, Standards und Tempo. Die AG Physical AI ist der Ort, an dem die Initiative D21 die Kräfte bündelt und mit einem Physical AI Action Plan die Weichen dafür stellt, dass Physical AI zu einem zentralen Zukunftsthema aus Deutschland für Europa wird.

Ansprechpartner*innen in der Geschäftsstelle

Porträt von Gordon Fließ

Gordon Naninga Fließ, Referent Digitale Zukünfte (er/ihm)

Porträt von Dr. Marie Blachetta

Dr. Marie Blachetta, Referentin Digital Responsibility (sie/ihr)

Fußnoten

  1. SLAM steht für Simultaneous Localization and Mapping – auf Deutsch etwa „simultane Lokalisierung und Kartierung“