AG-Blog | Physical AI zwischen Wettbewerb und Souveränität

In der dritten Sitzung der AG Physical AI haben wir zwei Linien in den Blick genommen, die das Themenfeld derzeit politisch und wirtschaftlich stark prägen: Souveränität und Wettbewerb. Wie viel Abhängigkeit können und wollen wir uns leisten? Und wie stehen wir im internationalen Wettbewerb? 

Berlin. Physical AI verschiebt die Landkarte technologischer Abhängigkeiten weg von der reinen Information, hin zur Handlung: zu Maschinen, Fabriken, Logistik und Infrastruktur. Damit stellt sich die Frage nach Souveränität anders. Bezog sie sich früher auf Territorium und später auf Daten, geht es heute um Systeme, die die reale Welt wahrnehmen und in ihr handeln. Wer baut sie, wer reguliert ihren Einsatz, und wer profitiert von dem Wert, den sie schaffen?

Diesen Fragen näherte sich die AG Physical AI bei ihrem Treffen aus drei sehr unterschiedlichen Blickwinkeln: aus der internationalen Perspektive zwischen Europa und Kanada, aus einer Perspektive, die den Blick zum Silicon Valley aufmacht, sowie aus der Perspektive eines globalen Plattformakteurs.

Physical AI und die neue Souveränitätsfrage (Will we fit in or lead?)

Sheila Beladinejad, CEO EuroCan.Digital
Sheila Beladinejad, CEO EuroCan.Digital

Sheila Beladinejad, CEO von EuroCan Digital, ordnete das Thema aus internationaler Perspektive ein. Sie argumentierte zur Souveränitätsfragen rund um Physical AI: Hier bemesse sich Souveränität nicht am Besitz der Daten allein; vielmehr gehe es darum, die Akteure und die Engpässe zu verstehen, die darüber entscheiden, wer diese Systeme entwickelt, einsetzt und kontrolliert. Diese Schichten ordnete sie in einem „Physical AI Sovereignty Stack“ an. 

Mit Blick auf Europa skizzierte sie eine doppelte Rolle. Bislang werde Europa vor allem als Regulator wahrgenommen, neben Regulierung zuständig für Ethik und Governance. Physical AI werfe jedoch die Frage auf, ob Europa darüber hinaus auch zum Produzenten werden könne: in Industrie, Ingenieurswesen, Fertigung und Robotik. Während die erste KI-Welle digitale Plattformen begünstigt habe, könnte Physical AI gerade industriestarke Volkswirtschaften mit ausgebauter Ingenieurs- und Fertigungsindustrie bevorzugen – also dort ansetzen, wo Europas Stärken liegen.

Darstellung des "Physical AI Sovereignty Stack". Von unten nach oben: Intelligence, Embodied Systems, Deployment, Orchestration und Governance.
Der "Physical AI Sovereignty Stack"

Diesen Vorteil verortete sie in der „industriellen Tiefe" Europas: in einer starken Fertigung, einem starken Ingenieurwesen sowie in industrieller Automatisierung und Robotik. Diese Bereiche seien keine Randthemen, sondern grundlegende Schichten des Ökosystems der Physical AI. Sie verwies sowohl auf etablierte Unternehmen wie Siemens, Stäubli und Dassault Systèmes als auch auf eine neue Generation von Robotikherstellern wie NEURA Robotics, ANYbotics und Pollen Robotics. 

Beladinejad machte hier eine zentrale Unterscheidung: Souveränität sei eine Frage der Hebelwirkung. Nicht jede Ebene der Physical AI habe denselben Einfluss, manche schaffen Wert, andere sichern ihn sich. Allein die Einführung, also der Kauf und Einsatz von Robotern, begründe deshalb noch keine Souveränität. Sie warnte ausdrücklich davor, Adoption mit Souveränität zu verwechseln, und illustrierte dies historisch: 

Viele Unternehmen haben Smartphones gebaut, doch Android wurde zur Plattform; viele bauten Computer, doch Windows wurde zur Plattform; viele bauten Server, doch AWS sicherte sich den Cloud-Markt.
Sheila Beladinejad, EuroCan.Digital 

Als die drei wichtigsten Hebel der Souveränität nannte sie:

  1. Interoperabilität: über offene Standards, gemeinsame Protokolle und Datenportabilität,
  2. Optionalität (Auswahlmöglichkeiten): über modulare Architekturen, die den Wechsel zwischen Anbietern ermöglichen,
  3. Kontrolle: über Strukturen, die die Bindung an einen einzelnen Anbieter verringern.

Es sei nicht realistisch, jede Schicht selbst zu besitzen; umso wichtiger sei es, sich auf diese drei zu konzentrieren. Hier verortete sie auch die Rolle einer engeren Zusammenarbeit zwischen Europa und Kanada, die sich im vergangenen halben Jahr deutlich intensiviert habe. Die Partnerschaft beruhe dabei auf einer Arbeitsteilung: Kanada bringe Grundlagen und Ressourcen ein, Europa die benötigte industrielle Tiefe.

Europa und das „Physical AI Race“

Patrick van der Smagt, Head of AI & Engineering bei Foundation während seines Impuls
Patrick van der Smagt, Head of AI & Engineering bei Foundation

Kritischer fiel der anschließende Input aus von Patrick van der Smagt, Head of AI & Engineering bei dem in San Francisco ansässigen humanoiden Robotik-Startup Foundation. Van der Smagt beschrieb seine Einschätzung zur aktuellen Wettbewerbslage Europas so:

Europe is not leading, Europe is behind.
Patrick van der Smagt, Foundation

Europa liege bereits jetzt hinter den USA und China zurück und brauche gleichzeitig zu lange, um Entscheidungen zu treffen und ins Handeln zu kommen. Diese Diagnose untermauerte er mit dem Blick auf die technologischen Grundlagen. Sogenannte VLA-Modelle (Vision-Language-Action), die für das (Post-)Training humanoider Roboter genutzt werden könnten, stammten überwiegend aus den USA und China; in Europa existiere lediglich ein einziges, welches sein letztes Update 2025 erhielt. Ähnlich verhalte es sich bei den sogenannten „World Models" – also Simulatoren, mit denen Roboter in virtuellen Umgebungen trainiert werden: Sie kämen aus den USA, wie etwa „NVIDIA Cosmos“ und „DeepMind Genie 3“. Allgemeine Videogeneratoren wie Sora, Kling oder Wan seien dagegen nicht für die Robotersteuerung konzipiert. 

Zudem wies van der Smagt hervor, dass zwar ein Großteil der Robotik-Industrie ursprünglich in Europa entwickelt und stark von Europa geprägt worden sei, sich dies aber geändert habe. Der wissenschaftliche Output, gemessen an Fachartikeln zur Robotik, sei ernüchternd; ebenso der Blick darauf, wo Roboter tatsächlich zum Einsatz kommen: Laut dem IFR World Robotics 2025 Bericht seien 2024 rund 74 % der weltweiten Neuinstallationen von Industrierobotern auf Asien entfallen (Europa: 16 %, Amerika: 9 % komme. Allein China mache mit 295.000 Einheiten 54 % aller 2024 installierten Industrieroboter aus.

An europäischen Humanoiden-Start-ups mangele es dabei keineswegs. Das eigentliche Problem sei ein anderes: Die vielversprechendsten Unternehmen würden verkauft, etwa nach China, Japan oder in die USA. Die restlichen europäischen Start-ups hätten noch keine eigenen Humanoiden, planten deren Entwicklung zwar, aber würden beim Funding weit zurückliegen. 

Auch die europäische Regulierung sei ein Hemmnis, so van der Smagt. Die entscheidende Hürde sei die in seinen Augen verfrühte Regulierung vor dem Markteintritt. Er stellte dies dem US-Ansatz gegenüber, der stärker auf Selbstregulierung, Unternehmensverantwortung und „On Site Development“ setze:

Meiner Meinung nach beginnt Europa mit der Regulierung und überträgt diese dann auf die Industrie. Die USA beginnen mit einem Produkt und entwickeln daraus die Regeln.
Patrick van der Smagt, Foundation
Die Teilnehmenden folgen gespannt dem Impuls von Patrick van der Smagt
Die Teilnehmenden folgen gespannt dem Impuls von Patrick van der Smagt

Im US-Modell trage zunächst das Unternehmen das Risiko und die Verantwortung (etwa für Schäden), die offizielle Regulierung folge erst im Anschluss.

Auch das Rennen um KI-Modelle habe Europa aus seiner Sicht bereits verloren: 2025 seien in den USA 59 „Notable AI Models“ veröffentlicht worden, in China 35, in Europa lediglich 2. Zugleich fließe das Kapital nach Westen. In Europa würden Nachwuchs und Forschung zwar gefördert, doch wanderten beide früher oder später in die USA ab – angezogen von Förderungen und Skalierungsmöglichkeiten. 

Trotz dieser scharfen Bestandsaufnahme endete van der Smagt nicht ohne Zukunftsperspektive: Die Rennen um Modelle und um IT seien in seinen Augen zwar verloren, bei Physical AI sei das Feld aber noch offen. Und genau hier habe Europa seine Stärken. 

Als konkrete Handlungshebel benannte er:

  • Geschwindigkeit: ein übergreifendes europäisches Regelwerk statt 27 verschiedene, damit ein Robotikunternehmen vom ersten Tag an europaweit zugelassen sei
  • Größe: aufhören, den Hauptsitz der europäischen Unicorns ins Ausland zu verlegen, und stattdessen auf den einen Vorteil bauen, den die USA und China nicht kopieren können: einen Kontinent voller Fabriken, die diese Roboter brauchen.

Abschließend verwies er auf einen strukturellen Widerspruch der öffentlichen Förderung in Europa: Diese eigne sich zwar für (universitäre) Forschung, sei aber mit so vielen Auflagen verbunden, dass sie die Arbeit für Start-ups nahezu unmöglich mache.

Souveränität aus Plattformperspektive

Antonia Bruhn, Head of Public Policy Germany bei AWS während ihres Impuls
Antonia Bruhn, Head of Public Policy Germany bei AWS

Eine weitere Perspektive steuerte Antonia Bruhn, Head of Public Policy Germany bei AWS, bei, die aus Sicht eines globalen Plattformakteurs berichtete. Sie zeigte zunächst auf, wie Physical AI heute bereits im operativen Einsatz ist: Amazon nutze in seinen Logistikzentren Physical AI, unter anderem den Roboter „Vulcan“, den nach eigenen Angaben ersten Roboter mit Tastsinn. Es handele sich um ein lernendes System, das sowohl in Deutschland als auch in den USA entwickelt worden sei und getestet werde. Wichtig war ihr die Einordnung, dass ein solcher Roboter menschliche Arbeitskräfte nicht vollständig ersetzen könne und solle. Er komme vielmehr dort zum Einsatz, wo Menschen an Grenzen stoßen, etwa beim Erreichen hoher Regale.

Anhand einer von AWS in Auftrag gegebenen Studie ordnete sie den Stand der KI-Einführung in Europa ein. Demnach setzten bereits 76 % der Start-ups, 54 % der kleinen und mittleren Unternehmen sowie 53 % der Großunternehmen KI ein. Deutlich zurückhaltender falle jedoch die Selbsteinschätzung mit Blick auf die nächste Technologiegeneration aus: Nur 19 % der Unternehmen gäben an, sich vollständig bereit zu fühlen, künftig „Next-Generation AI Technologies“ wie Agentic AI oder Physical AI zu implementieren; bei den Start-ups seien es hingegen 78 %.

Venn-Diagramm zur KI-Adoption nach Unternehmensgröße: 76 % bei Startups, 54 % bei KMU, 53 % bei Großunternehmen.
Venn-Diagramm zur KI-Adoption nach Unternehmensgröße

Den Kern ihres Beitrags bildete das Souveränitätsverständnis aus Plattformperspektive:

Kund*innen wollen Kontrolle und Auswahlmöglichkeiten bei der Verwaltung ihrer digitalen Assets. Funktionsbeschränkte souveräne Lösungen beeinträchtigen aber Innovation, Transformation und Wachstum.
Antonia Bruhn, AWS

Aus Kund*innensicht setze sich digitale Souveränität dabei aus zwei Komponenten zusammen:

  • Datensouveränität: mit Faktoren wie dem Datenaufbewahrungsort und der Beschränkung des Betreiberzugriffs
  • operationale Souveränität: mit Faktoren wie Belastbarkeit und Widerstandsfähigkeit, aber auch Unabhängigkeit und Transparenz.

Als eine Antwort darauf stellte sie die AWS European Sovereign Cloud vor, eine Cloud für Europa, deren Infrastruktur innerhalb der Europäischen Union angesiedelt sei und betrieben werde. Der Start erfolgte im Januar 2026 in Brandenburg, unter einer dafür gegründeten deutschen Muttergesellschaft mit lokaler europäischer Führung. Die Cloud sei physisch getrennt und unabhängig von bestehenden AWS-Regionen, verfüge über einen separaten IAM-Stack für die Identitäts- und Zugriffsverwaltung sowie regionseigene Abrechnungs- und Nutzungserfassungssysteme. Der tägliche Betrieb, der technische Support und der Kund*innenservice würden ausschließlich von in der EU ansässigen und dem EU-Recht unterliegenden Mitarbeitenden erbracht. In der Diskussion wurden neben der Beantwortung von Fragen rund um die Unabhängigkeit der Lösung auch immer wieder Parallelen zu den ersten Vorträgen gezogen: Bruhn betonte den Anspruch, über Partnerschaften den Wettbewerb zu fördern. 

In der Diskussion mit den AG-Teilnehmenden wurden neben der Beantwortung von Fragen rund um die Unabhängigkeit der Lösung auch immer wieder Parallelen zu den ersten Vorträgen gezogen: Bruhn betonte den Anspruch, über Partnerschaften den Wettbewerb zu fördern. Das Unternehmen investiere in Deutschland und wolle damit zur Stärkung des Wettbewerbs beitragen.

Die Teilnehmenden tauschen sich am Ende der Sitzung untereinander aus
Die Teilnehmenden tauschten sich während und nach der Sitzung untereinander aus

Weichenstellung jetzt

So unterschiedlich die Perspektiven, so klar der gemeinsame Befund: Die grundlegenden Entscheidungen fallen jetzt – welche Anwendungen entstehen, nach welchen Prinzipien funktionieren sie, wer setzt die Standards? Europa und insbesondere Deutschland bringen dafür beträchtliche Stärken mit: exzellente Forschung, einen starken Maschinen- und Anlagenbau, industrielle Tiefe und wertvolles Industriewissen. Ob daraus eine gestaltende Rolle wird oder eine Zuschauerrolle, entscheidet sich daran, ob jetzt die richtigen Weichen gestellt werden.

Verabschiedung von Gordon Naninga Fließ, Referent für Digitale Zukünfte
Verabschiedung von Gordon Naninga Fließ, Referent für Digitale Zukünfte

Ansprechpartnerin in der Geschäftsstelle

Porträt von Dr. Marie Blachetta

Dr. Marie Blachetta, Referentin Digital Responsibility (sie/ihr)