AG-Blog | Zwei Programme, eine Schule: Wie müssen Digitalpakt 2.0 und Startchancen-Programm zusammenwirken?

Fünf Milliarden Euro für digitale Bildung, zwanzig Milliarden für mehr Bildungsgerechtigkeit: Mit dem Digitalpakt 2.0 und dem Startchancen-Programm standen zwei der größten Bildungsinvestitionen der Bundesrepublik im Mittelpunkt der ersten Sitzung der AG Bildung im Jahr 2026. 

Berlin. Das Startchancen-Programm und der Digitalpakt 2.0 wurden politisch als Paket verhandelt – doch institutionell laufen sie weitgehend getrennt. Wie gelingt es, die Mittel nicht erneut primär in Hardware fließen zu lassen? Wie werden Lehrkräftefortbildung und KI-Kompetenz strukturell verankert? Und wie können Schulen in sozial herausfordernden Lagen von beiden Programmen gleichzeitig profitieren, statt zwischen den Fördersträngen zu verschwinden? Über diese Fragen diskutierten bei der Sitzung der AG Bildung in den Räumen von aconium in Berlin die Teilnehmenden mit verschiedenen Gästen.

Stefan Schönwetter und Astrid Aupperle sitzen an einem langen Tisch und sprechen in Mikrofone. Weitere Personen sitzen um sie herum
Stefan Schönwetter und Astrid Aupperle

Die neue Co-Leitung Astrid Aupperle (Microsoft) und Stefan Schönwetter (Deutsche Kinder- und Jugendstiftung) betonte in der Begrüßung, wie eng die beiden Programme inhaltlich mit der Frage verknüpft sind, ob Kinder unabhängig von ihrer Herkunft an den Chancen der Digitalisierung teilhaben können. Zwei Impulse aus Verbandsarbeit und Landespolitik gaben der Diskussion den Rahmen, ergänzt durch eine Netzwerkrunde, in der die Teilnehmenden eigene Herausforderungen und Themen einbrachten.

Von der Timeline zur Umsetzungslogik: Was der Digitalpakt 2.0 leisten soll und was nicht

Leah Schrimpf, Leiterin Digitale Gesellschaft beim Digitalverband Bitkom, eröffnete die inhaltliche Diskussion mit einem Rückblick auf die Entstehungsgeschichte beider Programme. Der erste DigitalPakt Schule (2019 bis 2024) habe die digitale Infrastruktur an Schulen nachhaltig verbessert. Die Corona-Krise habe dabei als Katalysator gewirkt, da der Bedarf dringlicher geworden sei und den Prozess zusätzlich beschleunigt habe. Parallel zum Auslaufen des Programms 2024 seien bereits die Verhandlungen zum Digitalpakt 2.0 gelaufen und nach dem Bruch der Ampelkoalition unter Bildungsminister Özdemir abgeschlossen worden – mit deutlicheren Zugeständnissen des Bundes als ursprünglich geplant.

Der Digitalpakt 2.0 umfasse ein Gesamtvolumen von rund 5 Milliarden Euro und adressiere 3 Handlungsstränge: 

  • den Aufbau digitaler Infrastruktur,
  • die Schul- und Unterrichtsentwicklung inklusive Fortbildung für Lehrkräfte sowie
  • die Weiterentwicklung der Lehrkräftebildung insgesamt. 
Leah Schrimpf steht vor 2 großen Displays mit einer Präsentation und spricht.
Leah Schrimpf

Die Verwaltungsvereinbarung zum Digitalpakt 2.0 sei vom Bund Ende März 2026 an die Länder versandt worden. Dort seien die Ratifizierungs- und Unterzeichnungsprozesse eingeleitet worden. Eine inhaltliche Änderung der Vereinbarung werde nicht mehr erfolgen, aber einige Länder hätten noch nicht unterzeichnet, was den Planungsspielraum der Schulen faktisch einschränke.

Gleichzeitig zeichne die internationale ICILS-Studie (International Computer and Information Literacy Study) ein ernüchterndes Bild: Die technische Infrastruktur an deutschen Schulen habe sich verbessert, die Digitalkompetenzen der Schüler*innen sich aber nicht entsprechend entwickelt. Sie seien teils sogar zurückgegangen. Das zeige:

Infrastrukturförderung allein löst das Problem nicht. Entscheidend ist, wie Geräte im Unterricht tatsächlich genutzt werden.
Leah Schrimpf, Bitkom

Das Startchancen-Programm (SCP) wirke ergänzend, aber mit anderer Logik: Als finanzstärkstes Bildungsprogramm von Bund und Ländern umfasse es ein Volumen von 20 Milliarden Euro über einen Zeitraum von 10 Jahren und richte sich gezielt an rund 4.000 Schulen in herausfordernden sozialen Lagen. Die Mittelverteilung folge sozialen Kriterien, nicht wie bei anderen Verteilungen üblich dem Königsteiner Schlüssel. Auch hier würden 3 Fördersäulen ineinandergreifen: 

  • Investitionen in Lernumgebung und Ausstattung,
  • Schul- und Unterrichtsentwicklung sowie 
  • Investitionen in Personal, darunter ausdrücklich multiprofessionelle Teams. 

Das sogenannte Chancenbudget gebe einzelnen Schulen zudem Spielraum dafür, Mittel eigenständig für Schul- und Unterrichtsentwicklung einzusetzen, etwa für digitale Tools oder Pilotprojekte mit Bildungstechnologie-Unternehmen.

viele Personen in einem Raum hören Leah Schrimpfs Vortrag zu und diskutieren mit ihr
Interessierte Diskussionen zum Vortrag mit Leah Schrimpf

Schrimpf warnte davor, die Synergiepotenziale beider Programme ungenutzt zu lassen. Beide überschneiden sich in der ersten Fördersäule, der digitalen Infrastruktur. Damit diese Schnittmenge wirklich genutzt werden könne, brauche es klarere Abstimmung: Länderübergreifende Vorhaben müssten strukturell neu aufgestellt werden; gemeinsame Antragsplattformen und Musterverträge würden Schulträgern die Umsetzung erleichtern. Auf Basis eines 10-Punkte-Papiers des Bitkom-Verbands zur Umsetzung des Digitalpakts 2.0 formulierte Schrimpf konkrete Erwartungen: schnelle Richtlinien der Länder für Planungssicherheit, Abstimmung und Vereinheitlichung zwischen den Ländern sowie eine stärkere Einbindung innovativer Lösungen – auch von Start-ups – in die Förderwege.

Ein Knackpunkt ist immer, wie sichergestellt wird, dass in jeder Schule notwendige Kompetenz zur sinnvollen Umsetzung gewährleistet wird.
Leah Schrimpf, Bitkom

In der Diskussion mit den AG-Teilnehmenden, unter ihnen auch viele aus der Schulpraxis, wurde eine strukturelle Spannung deutlich: Landeslizenzen für digitale Tools würden Orientierung und Planungssicherheit bieten, können aber gleichzeitig auch schulische Autonomie einschränken. Österreich zeige mit einem Marktplatzmodell, wie beides verbunden werden kann. Einigkeit bestand, dass es weniger an neuen Konzepten mangele als an verlässlicher, langfristiger Umsetzungsbegleitung.

Landesperspektive Saarland: Vorreiter im rechtlichen Rahmen – und vor denselben strukturellen Fragen wie alle anderen

Eine konkrete Umsetzungsperspektive eines Landes brachte Christine Streichert-Clivot, Bildungsministerin des Saarlandes, in die Diskussion ein. Als A-Länder-Koordinatorin der Bildungsministerkonferenz war sie aktiv an den Verhandlungen zum Digitalpakt 2.0 beteiligt. Das Saarland gilt bundesweit als Vorreiter beim rechtlichen Rahmen für digitale Bildung und steht zugleich vor denselben strukturellen Herausforderungen wie alle anderen Bundesländer.

Christine Streichert-Clivot ist über eine Videokonferenz zugeschaltet
Christine Streichert-Clivot

Streichert-Clivot schilderte, wie das Saarland die Verbindung zwischen beiden Programmen konkret zu gestalten versucht. Das SCP begreife man nicht nur als Finanzierungsinstrument, sondern als Angebot zur individuellen Förderung, also als Werkzeugkasten für differenzierten Unterricht. Eine 1:1-Ausstattung mit mobilen Endgeräten ab der 3. Klasse sei im Saarland für alle Schüler*innen bereits erfolgt. In der 3. Klassenstufe werde der Einsatz digitaler Endgeräte wissenschaftlich evaluiert, um Erkenntnisse zur altersangemessenen Nutzung, zur Unterrichtsgestaltung und zur Lernwirksamkeit zu gewinnen. Auch alle Lehrkräfte seien mit mobilen Endgeräten ausgestattet.

Man habe einen landeseinheitlichen Deckelungsbetrag von 160 Euro pro Schuljahr und Schüler*in an weiterführenden Schulen für die Teilnahme an der landesweiten Medienausleihe eingeführt, um Bildungsgerechtigkeit auch bei den Kosten für digitale Lernmittel sicherzustellen. Land und Kommunen teilten sich die Zuständigkeiten dabei neu: Die kommunalen Schulträger der weiterführenden Schulen würde die Gerätebeschaffung und deren administrative Betreuung übernehmen, das Land stelle dafür finanzielle Zuwendungen bereit, so Streichert-Clivot.

Auf Bundesebene diskutieren wir intensiv darüber, wie digitale Teilhabe und damit Bildungsgerechtigkeit dauerhaft gesichert werden können. Auch in der Bildungsministerkonferenz geht es deshalb nicht nur um die Finanzierung technischer Ausstattung. Entscheidend ist, dass alle Schülerinnen und Schüler – unabhängig von ihrer sozialen Herkunft – Zugang zu hochwertiger digitaler Bildung erhalten. Dafür brauchen wir neben der Technik auch verlässliche Unterstützung, Qualifizierung und tragfähige Strukturen.
Christine Streichert-Clivot, Bildungsministerin des Saarlandes

Zu den drängendsten Herausforderungen zählt die Ministerin neben der technischen auch die personelle Seite: Schulleitungen, Lehrkräfte und sogenannte „digitale Hausmeister“ – also IT-Support-Personal – müssten gleichermaßen mitgedacht werden. Die Finanzierungsmittel der Programme seien bei weitem nicht ausreichend, um den tatsächlichen Bedarf zu decken. Auch die Situation von Familien im Sozialleistungsbezug verdiene mehr Aufmerksamkeit: Digitale Teilhabe bedeute nicht nur den Kauf eines Tablets, sondern auch die Finanzierung von Lernmaterialien, Apps und Inhalten ohne ISBN-Nummer.

5 Personen stehen in einer Runde und diskutieren
Diskussionen nach dem Impuls von Christine Streichert-Clivot

Mit Blick auf die Unterrichtsqualität betonte Streichert-Clivot, dass Lehrkräftefortbildung der entscheidende Hebel sei. Im Saarland habe man das Referendariat bereits entsprechend angepasst. Für den laufenden Schuldienst gehe es darum, Lehrkräften nicht nur Geräte, sondern konkrete Nutzungskonzepte an die Hand zu geben, etwa durch Fachkonferenzen, die zeigen, wie guter digitaler Unterricht im jeweiligen Fach aussehen kann. Der Bildungscampus Saarland bündle dazu Fortbildungsangebote unter einer Leitung mit Spezialisierung auf digitale Bildung.

Auch die Frage nach KI im Schulalltag griff Streichert-Clivot auf: Informatik als Pflichtfach beginne im Saarland ab Klasse 7 – mit dem Chatbot „AIS.Chat“ soll KI-Kompetenz zugleich bereits in der Grundschule angebahnt werden. Eine Ausweitung in den Kita-Bereich wird durch eine Expert*innenkommission geprüft. Zugleich verwies sie auf problematische Aspekte wie beispielsweise Deepfakes, für die Schulen dringend Handlungshilfen benötigten.

Die Diskussion im Plenum zeigte: Die saarländische Lösung – eine gemeinsame Finanzierungsvereinbarung mit den 6 Landkreisen über 3 Jahre, gepaart mit einer Geräteausleihe nach dem Schulbuch-Modell – wird als interessantes Modell wahrgenommen, über das andere Länder gerade zu verhandeln beginnen. Entscheidend sei dabei, dass alle Schulen verbindlich einbezogen werden, um sicherzustellen, dass Investitionen auch tatsächlich genutzt werden.

Austausch an Thementischen: Was die AG bewegt

7 personen stehen im Kreis, diskutieren und schrieben auf Zettel
Diskussion der Arbeitsgruppe in Kleingruppen

Den Abschluss der Sitzung bildete eine offene Netzwerkrunde an Thementischen, bei der die AG-Teilnehmenden eigene Perspektiven einbrachten: Welche Digitalisierungsfragen beschäftigen sie gerade am meisten? Wo fehlt Austausch und Orientierung? Und mit welchen Akteur*innen im Bildungsbereich wünschen sie sich mehr Vernetzung? Die Ergebnisse fließen in die Themenplanung der AG Bildung für die kommenden Sitzungen ein und zeigen: Der Bedarf nach konkretem, sektorenübergreifendem Austausch zu Fragen der digitalen Bildungsgerechtigkeit ist hoch – und die AG Bildung bietet genau dafür den Rahmen.

Die Sitzung machte deutlich: Digitalpakt 2.0 und Startchancen-Programm ergänzen sich inhaltlich – aber nur dann, wenn die institutionelle Trennung aktiv überwunden wird. Beide Programme haben das Potenzial, gemeinsam mehr zu bewirken als getrennt. Dafür braucht es jetzt klare Umsetzungsverantwortung auf Länderebene, schnelle Förderrichtlinien für Planungssicherheit, strukturell verankerte Lehrkräftefortbildung statt punktueller Projekte und niedrigschwellige Unterstützung für Schulträger und Schulleitungen. Und es braucht eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Frage, ob und wie digitale Bildungsprogramme tatsächlich zu mehr Kompetenz und Teilhabe führen, nicht nur zu besserer Ausstattung.

verschiedene Zettel, auf denen handschriftlich Dinge stehen wie: Eltern (Austausch über Medienbiöldung, Medienerziehung) oder "Fundraising/Vernetzung)

Ansprechpartner*in in der Geschäftsstelle

Porträt von Ari Henjes-Kunst

Ari Henjes-Kunst, Referent*in Digitale Gesellschaft (kein Pronomen)