Roland Dathe | zuerst veröffentlicht im Behörden Spiegel, April 2018

Die (Un)Möglichkeiten des flexiblen Arbeitens

Gerade einmal 30 Prozent der Menschen mit Bürojobs nutzen bei ihrer derzeitigen Tätigkeit Telearbeit, Homeoffice oder mobiles Arbeiten. 

Die Präsentation für die Sitzung in zwei Tagen muss dringend fertig werden – doch an ein konzentriertes Arbeiten ist nicht zu denken. Ständig wollen KollegInnen etwas, das Telefon klingelt und der allgemeine Geräuschpegel tut sein Übriges. Wie schön, wenn man in diesem Fall die Möglichkeit hat, sich an einen ruhigeren Ort zurückzuziehen und vielleicht sogar am nächsten Tag von zu Hause aus die Präsentation fertigstellen kann. Der Handwerker kommt morgen gegen 11 Uhr vorbei? Dann einigt man sich auf einen Tag Homeoffice und muss nicht den halben Tag frei nehmen.

Soweit die Theorie vom flexiblen, mobilen Arbeiten, Telearbeit und Homeoffice. Doch in der Praxis kann gerade einmal jeder sechste Berufstätige in Deutschland, bzw. 30 Prozent der Menschen mit Bürojobs, diese Arbeitsmodelle nutzen. Dabei sind eigentlich Bürojobs, die keinen direkten Kundenkontakt vor Ort verlangen dafür prädestiniert – und damit auch viele Stellen in der Verwaltung. Doch die Chancen des mobilen Arbeitens sowohl für Arbeitgeber als auch für Arbeitnehmer werden in Deutschland bei Weitem nicht ausgeschöpft. „Das ist in meinem Unternehmen oder Bereich nicht möglich“ sagt mehr als jede/r Vierte mit Aufgaben, die grundsätzlich modernes Arbeiten zulassen.

Hier sind die Arbeitgeber gefragt, sich zu öffnen, neue Möglichkeiten anzubieten und einen Kulturwandel einzuläuten. Denn diese Modelle bedeuten eine Entkopplung von Arbeitsort und Arbeitszeit, von Anwesenheit und Arbeitsleistung und erfordern entsprechend auch größeres Vertrauen in die Arbeitnehmenden. Zudem müssen Arbeitgeber die notwendige Infrastruktur und Technik bereitstellen und die Möglichkeiten schaffen, mobil auf Daten zuzugreifen und auch online mit den KollegInnen zusammenzuarbeiten. Auch die neue Bundesregierung hat die Notwendigkeit erkannt und möchte laut neuem Koalitionsvertrag einen rechtlichen Rahmen für mobiles Arbeiten schaffen.

Männer privilegierter bei mobilem Arbeiten

Der D21-Digital-Index zeigt aber auch: Die Chancen zur Nutzung mobiler und flexibler Arbeit sind ungleich verteilt. Über verschiedene Branchen hinweg erhalten Männer mehr als doppelt so häufig wie Frauen die Möglichkeiten. Das hängt auch mit der Überrepräsentation von Männern in Managementpositionen zusammen, die davon besonders profitieren. Zudem offenbart die Studie, dass der Zugang zu Homeoffice und Co. mit höherem Bildungsgrad deutlich steigt: Während unter den Personen mit Abitur 20 Prozent die Möglichkeiten haben, sind es bei denen mit Volks- oder Hauptschulabschluss nur 0,6 Prozent. Auch zeigt sich, dass gerade ArbeiternehmerInnen über 50 von Homeoffice und Co. ausgeschlossen sind, die 30- bis 49-Jährigen erhalten doppelt so häufig die Möglichkeiten.

Ein erheblicher Teil der Bevölkerung ist also derzeit von den Möglichkeiten moderner, flexibler und digitaler Arbeit ausgeschlossen. Die Zugänge zu entsprechender Technik und die unternehmerischen Rahmenbedingungen könnten jedoch viel mehr Arbeitnehmenden zur Verfügung gestellt werden, deren Beruf dies grundsätzlich erlaubt. Nach wie vor werden iPads, Tablets und Smartphones häufig noch eher als Statussymbol denn als Arbeitsgeräte verstanden.

Chancen für die Verwaltung

Die Verwaltung könnte mit dem Ausbau des mobilen Arbeitens genau hier ansetzen. Denn flexible Arbeitsmodelle können einen Wettbewerbsvorteil bedeuten und neue ArbeitnehmerInnen anlocken. Gerade jungen Leuten ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei der Jobauswahl immer wichtiger. Umfangreiche Angebote von Homeoffice oder Telearbeit kennzeichnen moderne Arbeitgeber, die auch die Attraktivität für Nachwuchskräfte steigern.

Denn für 72 Prozent der Befragten gehören flexible Arbeitszeiten zu einer modernen Arbeitsumgebung dazu – von den Menschen mit Bürojobs sagen das sogar 84 Prozent. Der D21-Digital-Index zeigt: Mobiles Arbeiten bietet viele Vorteile und die ArbeitnehmerInnen wünschen sich mehr Flexibilität. Die Arbeitswelt muss sich den neuen Möglichkeiten öffnen und die Chancen der Digitalisierung nutzen.