43.000 Anmeldungen, 28.000 TeilnehmerInnen, 2.900 MentorInnen und 1.500 Projekte – #WirVsVirus war der größte Hackathon der Geschichte. Die Initiative D21 war eine von sieben Initiatoren, die den Hackathon im März 2020 in Kooperation mit der Bundesregierung umsetzten. Sandy Jahn, Referentin für Bildung und Digitalkompetenzen bei der D21, war von der Idee bis zur Umsetzung mit dabei. Im Interview gibt sie Einblicke in die Entstehung und die Herausforderungen.


Hallo Sandy, du warst für die Initiative D21 Teil des festen Organisationsteams des Hackathon #WirVsVirus. In aller Kürze: Wie kam es zum Projekt und was war das Ziel?

Wir wollten mit einer möglichst breiten gesellschaftlichen Beteiligung Lösungen für Probleme finden, die durch die Corona-Situation entstanden sind: Von der Isolation vieler Menschen über Einzelhandel und Gastronomie, denen plötzlich Einnahmen wegbrechen bis hin zu gesundheitlichen Sorgen und Beratungsbedarf vieler Menschen. Da waren keinerlei Grenzen gesetzt und jeder konnte sich mit einzelnen Herausforderungen, den so genannten „Challenges“ einbringen.

Wir hatten uns hier an einer ähnlichen Aktion orientiert, die Estland kurz vorher gestartet hatte. Die Idee fanden viele so herausragend, dass dann alles sehr schnell ging: Am 16. März machten die sieben Initiatoren, darunter auch wir als Initiative D21, einen Kickoff und schon zwei Tage später launchte die Website http://www.wirvsvirushackathon.org. Die anderen Initiatoren waren: Code for Germany, Impact Hub Berlin, Project Together, Prototype Fund, Send e. V. sowie tech4Germany. Die Bundesregierung bzw. Kanzleramtschef Helge Braun übernahmen dann die Schirmherrschaft – für uns ein großartiges Signal, dass es Unterstützung von oberster politischer Ebene für dieses gesellschaftliche Engagement gab.


Es wurde dann sehr schnell sehr groß.

Das kann man wohl sagen! Wir konnten natürlich nicht voraussehen, wie der Hackathon angenommen wird – wenn sich mehr als tausend TeilnehmerInnen finden, wäre das schon ein Erfolg, dachten wir uns im Vorfeld. Es gab dann einen regelrechten Schneeballeffekt und wir waren völlig überwältigt vom Ansturm: Am Ende meldeten sich 43.000 TeilnehmerInnen an, von denen dann über 28.000 tatsächlich teilnahmen. Es wurden über 1.900 Challenges eingereicht und 2.900 MentorInnen meldet sich zur Unterstützung an. Alles auf ehrenamtlicher Basis: Wahnsinn!


Dann setzten sich tausende Menschen über das Wochenende zusammen und entwickelten ihre Projekte. Dabei entstanden rund 1.500 Lösungen. Wie kann man bei einer solchen Menge den Überblick bewahren?

Zunächst wählten über 600 freiwilligen MentorInnen sowie MitarbeiterInnen aus Bundesministerien insgesamt 197 Projekte aus. Diese gingen dann im nächsten Schritt an eine hochkarätige Jury mit ExpertInnen aus Politik, Medizin, Wirtschaft/Arbeit, Bildung, Verwaltung, Logistik und Gesellschaft- und Sozialwissenschaften. Sie wählten die 20 Top-Projekte aus.

Ich beneide die Jury ehrlicherweise nicht um diese schwere Entscheidung, denn es gab sehr viele tolle Projekte. Deshalb setzen wir uns auch dafür ein, dass noch mehr als die 20 ausgewählten am Ende auch umgesetzt werden.


Wie lief die Zusammenarbeit des Teams hinter #WirVsVirus?

Auch für uns hieß es in der Corona-Krise, sich komplett virtuell abzustimmen. Wir standen zudem vor der Herausforderung, dass viele sich noch gar nicht kannten und plötzlich ein so großes Projekt gemeinsam stemmen mussten. Die Kommunikation lief größtenteils über Slack und Videokonferenzen. Im Nachgang finde ich es immer noch erstaunlich, wie gut das funktioniert hat – sowohl im Team als auch in der Koordination den vielen tausend TeilnehmerInnen. Der Erfolgsfaktor war aus meiner Sicht, dass alle sehr lösungsorientiert zusammengearbeitet aber auch viel Arbeit und Herzblut investiert haben. Das war für uns eine sehr intensive Zeit, aber Ich möchte die Erfahrung auf keinen Fall missen.


Welche Rolle hat die D21 dabei eingenommen?

Unsere Stärke liegt im engen Austausch zwischen vielfältigen AkteurInnen, die einen Querschnitt der Digitalen Gesellschaft abbilden: Von der Politik und Verwaltung über Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft. Wir können also vielseitigen, kompetenten Input geben und auch richtige AnsprechpartnerInnen vermitteln. So haben etwa gleich mehrere unserer Mitglieder ohne zu zögern ihre Unterstützung angeboten und die Teams am Wochenende mit Expertise, aber auch mit Sachleistungen unterstützt, wie zum Beispiel digitaler Infrastruktur. Andererseits ist es immer unser Anspruch, vorauszudenken und schon heute zu überlegen, was die Herausforderungen von morgen sein werden. Daher möchten wir auch Erfahrungen aus den vielen großartigen Projekte und Ideen des Hackathon zurück ins Netzwerk tragen, verbreiten und damit einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen.


Was nimmst du daraus mit, gab es etwas, das dich besonders überrascht hat?

Ich nehme auf jeden Fall eine unglaubliche positive Energie, Aufbruchstimmung und Solidarität mit. Diesen Eindruck hat man ehrlichweise nicht immer, wenn man das öffentliche Miteinander im Internet so verfolgt. Deswegen bin ich immer noch beeindruckt, wie viele Menschen sich hier ehrenamtlich und in ihrer Freizeit engagieren, um etwas für unsere Gesellschaft beizutragen. Bundeskanzleramts-Chef Helge Braun hat es in seiner Dankesansprache sehr schön auf den Punkt gebracht: der Hackathon habe das Internet wieder zu dem gemacht, was es einmal war „ein Begegnungsort der besten und offensten Art“.


Wie geht es nun weiter?

Nun geht es darum, die Projekte schnell nutzbar zu machen. Auch die beste Idee bringt nur dann etwas, wenn die Menschen sie auch nutzen können. Dafür gibt es ein modulares Umsetzungsprogramm des Hackathon Konsortiums unter Schirmherrschaft des Bundeskanzleramts, das gerade auf Hochtouren läuft. Die ersten Projekte sind auch schon im Einsatz, beispielsweise ein digitaler Assistent zum Ausfüllen von Kurzarbeitsanträgen, der bereits auf der Seite der Bundesagentur für Arbeit eingebunden ist.

Am Ende möchte ich noch mitgeben: Ich glaube, die Politik könnte vergleichbare Formate zu unterschiedlichen Themen regelmäßig ausrichten. Hier liegt ein ungehobener Schatz an Kreativität, Know-how und Solidarität – es müssen ja nicht immer gleich 28.000 Menschen werden.

Vielen Dank für das Gespräch, Sandy!

AnsprechpartnerInnen


Sandy Jahn
Referentin für Bildung und Digitalkompetenzen
sandy.jahn@initiatived21.de


Roland Dathe
Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
roland.dathe@initiatived21.de